Von Karl-Markus Gauß

Als Brücke zwischen den Welten des Orients und des Okzidents ist der Balkan oft bezeichnet worden, und in der unzugänglichen, verwinkelten Vielfalt seiner Völker und Kulturen haben auch tatsächlich beide tiefe Spuren hinterlassen: Morgenland und Abendland, Islam und Christentum. Im Bild der Brücke wird das Verbindende des Getrennten, die Einheit im Verschiedenen betont – doch, um die Jahrhunderte einer blutigen Geschichte nicht leichtfertig an das schöne Symbol zu verraten, diese Brücke war längst nicht immer ein Ort der Begegnung, des friedlichen Hinübergehens von der einen in die andere Welt. Ganz im Gegenteil: Sie war, und davon zeugt gerade die große, die hierzulande so unbekannte Literatur der jugoslawischen Nationen, oft auch ein Ort, von dem aus grausame Invasionen, Feldzüge einmal unter dem Zeichen des Kreuzes, dann unter der Fahne des Halbmondes unternommen wurden, die zu Massakern und generationenlanger Knechtschaft führten. Bis herauf in den Zweiten Weltkrieg war der Balkan eine "Blutregion" Europas, in der fremde Herren aus dem Norden und dem Süden ihre Kriege ausfechten ließen – zum Elend der malträtierten, entmündigten Balkanvölker, die zuletzt von den krassen Gegensätzen, die in ihrem Land aufeinanderstießen, auch selbst zerrissen waren: "Wir Balkanesen prahlen nicht nur damit, wir sind innerlich stolz darauf, daß wir zwischen den Welten hin und her gerissen sind, daß wir uns unablässig selbst zerreißen und wieder vereinigen. Aber daran ist auch etwas Wahres: Alle unseren großen Geister, seit dem Mittelalter bis in unsere Zeit, sind durch Leid, durch das Vereinigen von Widersprüchen, das geworden was sie wurden."

Der dies in einem im Gefängnis entworfenen Roman, "Welten und Brücken" betitelt, schrieb, Milovan Djilas, ist selbst ein Mann schroffer, oft unversöhnter Widersprüche; und hat er mit seinem Roman die Vision der Brücken auch nicht preisgegeben, so beschwor er auf den achthundert Seiten dieses gewaltigen, vom grausamen Kreislauf der Gewalt geformten Epos doch eher die Kluft, die die "Welten" seines Landes zerschneidet, als die Brücken, die sie verbinden. Einst ein bürokratischer Kulturverweser, der unabhängige Dichter zur Botmäßigkeit zwingen wollte, später, nach seinem Sturz von 1954, im Gefängnis selbst zum Dichter geworden, geht Milovan Djilas mit seinem Roman zurück in die Gründerjahre Jugoslawiens und zurück in die abgelegene Provinz Montenegros, der er entstammt.

Im Jahr 1924, als die im Roman entfalteten Ereignisse wie mit schicksalhafter Ausweglosigkeit geschehen, waren die Türken, die den halben Balkan seit dem Mittelalter beherrscht hatten, noch keine Generation vertrieben, der Zusammenschluß Montenegros mit dem "Königreich der Serben, Kroaten und Slowenen" noch kein Jahrzehnt vollzogen und das Leid der Türkenzeit und der Befreiungskriege noch in jeder Familie präsent: "Geschriebene Gesetze gibt es hier sozusagen erst seit gestern, und es gibt hier keine geschriebene Geschichte; hier liegt alles im Gedächtnis – man prägt seinem Gedächtnis die Schwere der Leiden und den Wert – den Wert, nicht die Menge! – des vergossenen Blutes ein." Und so stürzen die staatlichen Institutionen und die brüchigen zivilisatorischen Konventionen auch sogleich ineinander, als es zu jener einen Woche der Rache und des Mordens kommt, auf die Djilas das Romangeschehen zusammendrängt.

Ein lokaler Stammesheld, Bulat Bulatovic, ist hinterrücks ermordet und damit, der montenegrinischen Heldenmystik zufolge, die wertvolles Blut von ehrlosem zu unterscheiden vermag, geradezu entehrt worden. Und obgleich dies ein Mann war, mehr gefürchtet als geliebt, eher verachtet für seine Habgier und Rachsucht, denn verehrt ob seiner großen Verdienste bei der Vertreibung der Türken, weiß sogleich jeder in der Provinzstadt Dabar und in den umliegenden Dörfern: Die Moslems waren es, jene Minderheit im "Land des Schwarzen Bergs", die einst den Glauben und die Kultur der Besatzer angenommen hatte – und die nun vom Vertrauten der türkischen Herren zum Mißachteten im neuen Staat geworden ist. Milovan Djilas hat mit dem Porträt einer Kleinstadt, die von rivalisierenden politischen und religiösen Gruppen, von Cliquen und Clans, von wechselnden Reigen der Liebe und des Ehebruchs bestimmt wird, nicht weniger gezeichnet als Entstehung, Vorbereitung und Vollzug eines Pogroms: Am Ende dieser Chronik sind dreihundert montenegrinische Moslems tot. Nachbarn seit jeher, Freunde gelegentlich, Mitbürger im gleichen Staat ohnehin, wurden sie, die "Neutürken", von den nationalbewußten, christlich-orthodoxen Montenegrinern erschlagen, erschossen, enthauptet, und die Wege nach Dabar bleiben für Tage gezäunt von Stangen, auf die die Häupter der Ermordeten gespießt sind. In der minuziösen Beschreibung des Pogroms, das auf einen tatsächlichen Fall seiner Jugend zurückgeht, hat Djilas indes auch das großangelegte Panorama einer Gesellschaft entworfen, in der die alten patriarchalischen Gemeinschaften gerade zerfallen, während der moderne Staat eben erst errichtet wird: Da leben die alten Familienfehden, die gewohnten Stammesrivalitäten fort, während der neue Staat sogleich von Korruption zerfressen und zur Waffe im Kampf der alten Feinde wird.

Weit über zwanzig scharf umrissene Gestalten werden von Djilas in ihren Veränderungen durch den Druck der Ereignisse und in ihrem Beharren erfaßt. In den vielen, nun ja: martialischen Liebesgeschichten fällt Djilas dabei störend laut in das alte Hohelied auf die ewig-slawische Leidenschaft ein, das Gewalt und Unterwerfung gleichsam als männliche Veredelung von Zuneigung und Hingabe feiert. Wie es sich für einen Gesellschaftsroman gehört, aber zumal bei Liebesfällen zumeist mißlingt, wird auch in "Welten und Brücken" pausenlos gesprochen, deklamiert und in ausgefeilten Wechselreden über Weltlauf und Zeitläufte debattiert. Der Anblick massakrierter Moslems verhindert nicht, daß manch kenntnisreicher Dialog über die klassische Philosophie zu Problemen der modernen Anthropologie springt, indes andererseits noch aus dem leidenschaftlichsten Liebesgetümmel aphoristisch zugeschärfte Pointen zur Lage der serbischen Nation zu vernehmen sind.

Gleichwohl, "Welten und Brücken", ein Epos, das die Geschichte von Jahrhunderten in die gewaltsamen Ereignisse einer Woche faßt, und zugleich ein Gesellschaftsroman aus der Frühzeit Jugoslawiens, ist mit Passagen hoher Gestaltungskunst eine spannende Lektüre. Zuletzt fallen die Lebenserfahrungen des abgedankten Revolutionärs Djilas und die Lehren aus der Geschichte Montenegros in eins: "Die Menschen kämpfen aus Not und sterben für Illusionen."