Bom Branntwein und dessen Nutzen und Schaden

„Lustig gelebt und selig gestorben: Heißt dem Teufel die Rechnung verdorben!“

Diesen gottlosen Spruch führte Hans Jochen, den man nur Saufjochen nannte, beständig im Munde: wenn ihm vernünftige Leute zuredten, daß er nicht zu arg saufen solle. Dieser Mann war bey guten Mitteln gewesen: kam aber so herunter, daß zuletzt seine Kinder nackt und blos giengen und Brod heischten. Und an diesem Elend war nichts Schuld als der Branntwein. Er war aber nach und nach ein solcher Saufaus geworden: indem er zuerst des Morgens mit einem Schlückchen anfieng, dann zwey nahm, dann drey und so fort. Der Prediger des Dorfs, ein guter Mann, der mit Jochens Frau und Kindern Mitleiden hatte, gab sich anfangs viele Mühe, ihn von dem schädlichen Laster des Saufens abzubringen. Einmahl ließ er ihn zu sich kommen und stellte ihm recht freundlich vor: daß er sich doch bessern, und um des Gesöffs willen, sich und die Seinigen nicht ins Unglück stürzen möchte. „Hört Jochen, sagte er, der Branntwein ist eine Arzeney. Ich habe gar nichts darwider, daß ihr dann und wann ein Schlückchen nehmt, wenn ihr früh bey neblichtem oder feuchtem Wetter ausgehet. Ihr thut aber sehr übel, daß ihr diese Arzeney zu einem täglichen Trank macht. Dazu ist sie viel zu scharf und hitzig. Ihr werdet selbst wissen, daß euch der Branntwein die Lust zum Essen benimmt, daß er euch die goldne Ader, Herzklopfen, Zittern der Glieder, und Schwäche des Gedächtnisses verursachet. Ich muß euch auch offenherzig sagen, daß ihr mir lange nicht mehr so verständig vorkommt, seitdem ihr zu viel trinket, als ihr sonst waret, und ich fürchte, ihr kommt einmahl gar von Sinnen, wenn ihr so fort fahret. Daß eure Sachen den Krebsgang gehen, seht ihr selbst! Hört Jochen, besinnt euch! und werdet anders! Ihr waret sonst ein guter Mann. Faßt euch ein Herz, daß ihr Herr werdet über das schändliche und gottlose Sauflaster!“

So sprach der liebreiche Herr mit ihm, und Jochen, der diesen Morgen nüchtern geblieben war, weil er in die Pfarre kommen sollte, weinte wie ein Kind vor Reue über sein Vergehen. „Gott vergelts ihnen ehrwürdiger Herr! Sie sind mein Engel! Sie retten mich vorm Verderben!“ Mehr konnte er vor lauter Schluchzen nicht sagen, und er gieng mit dem festen Vorsatz weg, keinen Branntwein weiter zu saufen.

Jochen hielt auch wirklich drey Wochen lang Wort, und blieb zu Hause. Allein im Dorfe, wo er wohnte, welches in der Oberlausitz liegt, ist die Gewohnheit, daß bey Hochzeiten und Kindtaufen Bierzüge gehalten werden. Da gehn die Gevattern, deren oft 10 bis 12 sind, in den Kretscham, so heißt dort das Wirthshaus, saufen tüchtig, und setzen auf jeden Tisch für die Gäste auch eine große Humpe Bier und ein Quart Branntwein. Nun ward ein Vetter von Jochen Gevatter: dem zu Ehren gieng er mit. Weil ihn nun seine alten Saufgesellen foppten und höhnten, daß er nicht mehr trinken dürfe, und sein Versehen vergessen habe, seitdem der Pastor ihm den Pelz gewaschen; so dachte er: einmal ist ja nicht immer, und soff darauf los; bis er so voll war, daß er seinen gottlosen Vers wieder sang. Nun kam die alte Lust wieder, er soff nun alle Tage, wie zuvor, und noch mehr; um gleichsam sein Gewissen zu ersäufen. In der Besoffenheit führte er dann unnütze Reden, gerieth in Streit und Zank, wurde oft geprügelt und verfiel in Strafe. Seine Wirthschaft gieng immer mehr zu Grunde; bis er endlich von Haus und Hof kam, und seine Kinder nach Brod gehen mußten. Er kam auch am Ende völlig von seinen Sinnen und starb in einer Mistpfütze, in welche er in seiner Besoffenheit gefallen war. Auf hohen Befehl wurde er des Nachts, ausserhalb des Gottesackers, wie ein Vieh eingescharrt, und niemand gieng mit zur Leiche. Auch weinte niemand um ihn. Denn, seine Frau hatte der Gram schon vorher aufgerieben, und seine Kinder liefen im Lande herum. Zwey saßen gar im Zuchthause: dahin sie gerathen waren, weil ihr Rabenvater sich nicht um sie bekümmert und sie zu nichts Gutem erzogen hatte. Dieses Exempel, dergleichen in mehrern Dorfschaften anzutreffen, lehret klärlich: was es für ein großes Unglück und Laster sey, wenn ein Mann ins Saufen geräth; es sey nun in Branntwein, Wein oder Bier. Jedoch ist der Branntwein das allerschlimmste und gefährlichste, und am schwersten wieder abzugewöhnen. Gott bewahre daher jeden Christenmenschen davor!

Aus: Noth- und Hülfsbüchlein oder lehrreiche Freuden- und Trauer-Geschichten der Einwohner zu Mildheim. Gotha 1798.