Von Eckhard Roelcke

Die Entstehungsgeschichte Ihres Klavierkonzerts ist ungewöhnlich: Sie haben die ersten drei Sätze 1985 und 1986 komponiert, die Uraufführung dieser dreisätzigen Version war 1986 in Graz – was hat Sie bewogen, das Konzert danach noch zu erweitern?

GYÖRGY LIGETI: Ich arbeite wie ein Wissenschaftler in der Grundlagenforschung. Ein Stück komponieren bedeutet, bestimmte Ideen zu lösen, die ungelöst schienen. Diese Lösungen implizieren dann neue Fragen. Mir geht es aber nicht um wissenschaftliche Fragen und Lösungen, sondern meistens um stilistische Aufgaben.

Es gibt bei mir beim Komponieren drei Phasen: Die erste ist die Vorstellungsphase. Da habe ich ein akustisches Bild vom ganzen Stück und stelle mir vor, wie es klingen wird. Dabei bin ich aber noch sehr weit entfernt von den Strukturen, wie sie dann tatsächlich aufs Papier gebracht werden. Dann die zweite Phase: das Erarbeiten der Partitur. Da kommen sehr viele konstruktive Aspekte hinzu, die ich bei der ersten, „naiven“ Vorstellung noch gar nicht hatte. Dann ist das Stück in Partiturform fertig – ich habe eine bestimmte innere Vorstellung, wie das Ganze abläuft. Und da ich sehr zu geschlossenen Formen neige, zu Kompositionen wie Gebäuden, Skulpturen oder Objekten, die in sich ruhen, ist mir diese Frage – fertig oder unfertig? – ein wesentliches Kriterium.

Trotz meiner sehr langen Erfahrung gibt es eine Urteilsbildung, die nur nach dem unmittelbar sinnlichen Hören da ist. Das ist so, als wenn Sie an einem Bild arbeiten, dann zehn Meter zurücktreten und es anschauen. Diese zehn Meter Entfernung war bei der Uraufführung. Während dieser dritten Phase kam ich zu der Uberzeugung, das Konzert sei noch nicht fertig. Es war eine Abschätzung, die ich nur aus dieser „Entfernung“ machen konnte. Ich mußte die drei Sätze in vivo erleben. So kam es zu diesem Entschluß. Ich haben das vorher nicht gewußt.

Die ursprüngliche Fassung des Konzerts hatte ja geradezu eine klassische Großform: schnell – langsam – schnell.

LIGETI: Gegen diese Bezeichnung hätte ich nichts. Dem Terror aber, ein Konzert nicht dreisätzig komponieren zu dürfen, weil dieses zu traditionell wäre, kenne ich nicht. Ich mache, was ich will. Ob ein Werk die Satzfolge schnell – langsam – schnell hat, ist doch etwas Äußerliches.