Auch wenn einer keine Reise tut, kann er was erzählen: Meine DDR-Verwandten wollten zu meinem Geburtstag in den Westen kommen. Inzwischen hätten Freunde und Kollegen von ihnen schon entferntere Verwandte, als ich es für sie bin, zu niedrigeren Geburtstagen, als es meiner ist, besuchen dürfen, sagten sie. Ich besorgte Geburtsurkunden, Meldebescheinigungen, schrieb Einladungen. Cousine, Ehemann und Tochter liefen damit in ihren Betrieben zu Abteilungsleitern, Hauptabteilungsleitern, Direktoren und Werkleitern, die alle eine solche Westreise für unbedenklich hielten, so daß die jeweiligen Kaderabteilungen (Personalabteilungen) sie gutheißen konnten.

Früh genug, nämlich mehr als 30 Arbeitstage vorm Geburtstag, gingen sie mit allen Unterlagen zur Polizei. Dort wurde allen die Reise abgelehnt. Grund für die Absage war nicht, daß meine Verwandten mich schließlich in meinem Ostberliner Korrespondentenbüro besuchen könnten, eine solche Reise deshalb als unnötig betrachtet wurde. Niemand sah auf Name oder-Beruf. Der Geburtstag sei zu niedrig, hieß es, zu unbedeutend, da er am Ende weder eine Null noch eine Fünf aufweise. Immerhin – nun weiß ich, wie es geht. Oder vielmehr, wie es nicht geht.

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Vor kurzem flog ich mit meinen Söhnen nach Rom. Der Ostberliner Flughafen Schönefeld war hoffnungslos überfüllt. Wartezeiten von über drei Stunden. Doch niemand verriet den Grund, keine Durchsage tröstete die Wartenden. Die geplagte Frau an der Information murmelte ausdauernd von „technischen Schwierigkeiten“. Eine Stewardeß erklärte später, was damit gemeint war: Der Computer in Moskau sei kaputt und der leite alles von dort aus. „Siehste, so ist das hier“, sagte triumphierend der Westberliner Fluggast zu seiner Frau.

In Rom trafen wir überall Deutsche aus der Bundesrepublik: auf dem Petersplatz, im Forum Romanum, in den Restaurants. Die beiden Söhne reagierten allergisch auf sie. Reisen wir Deutschen so viel, weil wir uns selbst entfliehen möchten? Ärgern wir uns deshalb, wenn wir unsereins im Ausland überall treffen? Weil wir uns nicht leiden können, können wir auch die andern nicht leiden, sagte eine Ostberliner Freundin.

Immer häufiger höre ich von meinen DDR-Freunden den Wunsch, die DDR müßte ein bißchen selbstkritischer sein. Dankbar werden kleinste Zeichen solcher Selbstkritik vermerkt: Die Meldung etwa, daß eine Beamtin vom Ostberliner Stadtbezirk Treptow angeklagt sei, weil sie Wohnungen auf Bestechung vergeben hat. Oder daß ein Berliner Stadtverordneter öffentlich zugibt, 14 Prozent der Schüler nähmen wegen mangelhafter Qualität nicht an der Schulspeisung teil. Daß ein anderer moniert, daß das Hausarztprinzip nicht richtig funktioniere oder es zuwenig Schuh- und Möbelreparaturen gebe.

Doch Kritik ist Ausnahme. Eigenlob herrscht weiter vor. Als Reaktion auf westliche Kritik loben DDR-Zeitungen besonders heftig, wie sehr die DDR die Menschenrechte verwirklicht: Recht auf Arbeit, soziale Sicherheit, und wie wenig dies die Bundesrepublik tut. Immer nach dem Motto: Im Sozialismus ist alles so gut, im Kapitalismus alles so schlecht. Als könne die DDR ihrer Bevölkerung auf diese Weise den Mythos „Westen“ austreiben.