Von Ulrich Horstmann

Literaten sind ein verqueres Völkchen, das schon immer alles anders machen mußte als ihre Leser. Was Wunder also, daß sie im Zeitalter des Massentourismus plötzlich seßhaft werden, ja anwachsen und nur noch in Gedanken auf Reisen gehen. Jochen Beyse, schöngeistigen Primatenkreisen noch mit dem „Affenhaus“ in Erinnerung, hat in seinem neuen Buch „Ultima Thule“ eine solche Expedition unternommen.

Ziel des Gedankenfluges, Gegenstand seines fiktiven Reiseberichts, ist die Osterinsel im Stillen Ozean, berühmt durch ihre riesigen Tuffskulpturen. Um diese geheimnisumwitterten Statuen kreist auch der Text, seinerseits eine Hirngeburt wie jene Kolossalhäupter, in denen die Kollektivpsyche der Eingeborenen versteinerte. Beyse beschreibt seine Annäherungs- und Orientierungsversuche in einer angestrengten, manchmal überanstrengten und zerebralen Prosa, deren Bildhaftigkeit die Blässe des Traums nie abschütteln kann oder abschütteln will. Der Sprachmeißel reproduziert die starre, abweisende Physiognomie der Stelen einer versunkenen Kultur, die doch auch das Vor-Bild unserer eigenen Nachgeschichte liefert: „Und die Insel mit ihren Höhlen und Schründen wuchs in alle Richtungen der für immer verlorenen Kontinente.“

Beyses Osterinsel, das „Ultima Thule Polynesiens“, ist eine letzte Welt, verödet, sinnentrückt, halluzinogen, bevölkert mit „Besatzern“ und tagsüber in einem Steinbruch schuftenden, nachts hinter Stacheldraht internierten lemurenhaften Insulanern. Höhlensysteme durchziehen ihren Untergrund. Dem, der sich hineinzwängt, werden sie zu Gedankengängen, in denen er sich zu sich selbst vortastet: „Kein Lichtschimmer. Die Hauptsorge ist, überall den Kopf durchzubringen. Die Bruchflächen im Schacht bringen winzige Steinsplitter wie Sterne zum Funkeln, Leuchtpunkte auf der Netzhaut im geschlossenen Auge. Das ist das Erschreckende: tief unten in der vulkanischen Höhle ist man doch nur an der Oberfläche wild zuckender Nervenimpulse.“ Wie das Eiland auf einem Magmakissen, so ruht die Inselkultur auf einer erloschenen Panik, die zwar noch manchmal in Figuren wie dem Gouverneur nachbebt, aber das Erstarren dieses Lebensraums zur Schädelstätte nicht mehr aufhalten kann. Der angepaßte Adjutant sammelt Totenköpfe, und der Sog der Entropie läßt sich die zwanzig Meter hohen Steinriesen zu jenen winzigen Nachbildungen schrumpfen, die die Kinder der Internierten heimlich anfertigen.

Doch Proportionserlebnisse sind auf Bezugsgrößen angewiesen. Fehlen diese oder blendet man sie aus, so wird auch das Winzige, die Miniatur, überlebensgroß. Der Erzähler bringt ein Photo zurück, auf dem „keine Möglichkeit besteht, einen wenigstens ungefähren Maßstab für die Größe der abgebildeten Figur zu finden“, und also nicht mehr entscheidbar ist, ob es sich um Gigantisches oder sein Gegenteil, Ur- oder Nachbild, Wirklichkeit oder modellhafte Simulation handelt. Und ganz ähnlich ergeht es dem Leser, der beurteilen soll, wo er sich nun eigentlich aufgehalten hat: auf den 118 Quadratkilometern der Miniaturwelt der Osterinsel oder in einem ungleich globaleren Ultima Thule.

Man begreift, Mobilität ist auch abseits der Autobahnen, Schiffahrtsrouten und Luftstraßen zu haben, und wer sich zeilenweise fortbewegt, der kommt vielleicht zu Hause in einer Fremde an, wie sie kein Reiseveranstalter zu bieten hat. Allerdings gehört Jochen Beyses polynesisches Grönland nicht eben zu den unstrapaziösen Reisezielen. Wer es kennenlernen will, muß Hartnäckigkeit und Ausdauer mitbringen und wohl auch zum zweiten und zum dritten Mal anlanden. Vielleicht heißt der Untertitel auch deshalb: „Eine Rückkehr“.

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