Wirklich Neues, ja Revolutionäres kommt eher unauffällig. So auch dieses: am Rande des Berliner Tiergartens steht das erste Bauwerk des Dritten Jahrtausends. Die schlichte Stahlkonstruktion, die Gustav Eberleins eher imposant-mediokres Richard-Wagner-Denkmal (1903) überdacht, könnte der Vorbote einer kopernikanischen Wende in der Architektur sein, nicht weniger als die Antwort der wissenschaftlich-technischen Zivilisation auf die Wunden, die sie schlägt; aber ebenso auf Zukunftsangst und grünen Fundamentalismus.

Mit diesem Baldachin aus Kruppstahl und Plexiglas wird ein Weg gewiesen, auf dem wir unser kulturelles Erbe vor dem Fraß des schwefelsauren Regens schützen können. Stabil und transparent wird hier, in kühner Verbindung von ökologischem Gedanken und High-Tech-Dynamik, das 21. Jahrhundert vorbereitet. Als Synthese von Bildhauerei und Ingenieurskunst, von Bausenat und Landeskonservator steht das kleine Kunstwerk gegenüber der neuen Berliner Akademie der Wissenschaften, die selbst eine – nicht weniger kühne – Synthese ist: von faschistischer Einschüchterungsarchitektur und demokratischem Fortschrittswillen. Hinter dem Denkmal eröffnen sich die Fluchten des Neuen Tiergartens, in dem eine umsichtige Verwaltung demonstriert, wie man das organische Chaos von Unterholz und Gräsern immer wieder in den Griff kriegt: durch die Verschinkelung des nach dem Krieg englisch gewordenen Volksparks mittels immer neuer, rekonstruierter absolutistischer Alleen.

Die endgültige Synthese von Park und Stahl, von Geschichte und Zukunft, von Kultur und Kreatur steht also bevor, und so mag es denn auch kein Zufall sein, daß die Formgebung der Glaskonstruktion an Götz Friedrichs schon jetzt legendäre Ring-Inszenierung und ihren „Zeit-Tunnel“ erinnert, an den Sieg des Fortschrittsschmieds Loge über Erda.

Die demonstrative Verbindung von Fortschrittswillen und Traditionsaufbereitung, so unsere Prognose, wird Schule machen. Die halbe Million, die das Bauwerk gekostet hat, dürfte gut angelegt sein. Denn der Baldachin symbolisiert nicht nur den unerschütterlichen Willen zum Durchmarsch in die totale Technik. Es weist diesem Willen auch einen Weg: Wir werden die ganze Welt verglasen. Einfach verglasen. Den Kölner Dom und die Walhalla, die Loreley, das Hermannsdenkmal und das Taj Mahal. Ja, mehr noch (denn ist die Natur weniger bewahrenswert als die Natur?): die Zugspitze werden wir überdachen, die Lüneburger Heide und unsere Altstädte. Der Gedanke einer kultivierten Natur, die Vision einer behüteten Industriezivilisation – hier in West-Berlin werden sie wirklich. Und ist er denn nicht ein alter Menschheitstraum, den wir unseren Kindern erzählen: der Gedanke vom Himmelszelt? Hier wird das Zelt zum Ereignis. Spannt sich aus über Produktionsanlagen und Feuchtbiotopen, über Clublandschaften und Naherholungsgebieten; schützt vor Schwefel- und Pollenflug, und bald – das wäre nur die konsequente Steigerung dieser Idee – vor Schnee und Wind und Kälte.

Christo mit seinem Packpapier war noch ein Amateur, ein Vorläufer, vielleicht auch nur ein tragisch zu früh Gekommener. Dieses Bauwerk einer unbekannten Berliner Architektin (!) hat Zukunft, denn es ist mehr als Kulturpflege, es ist angewandte Konjunkturpflege: Wenn wir den Kölner Dom, der schon jetzt so unter Schwefelfraß leidet, überdachen, kann Rheinhausen die Produktion verdoppeln. Auch die Chemie findet hier neue Nachfragedimensionen: Sie soll uns leichte bunte – phototrope – Platten bauen, die wir über unsere technisch-wissenschaftliche Lebenswelt legen und die uns vor dem UV-Licht schützen, das durch? Ozonloch dringt.

All dies wird Wachstum produzieren – das Wachstum, das den Schornstein wieder rauchen läßt, das Ozonloch in den (alten) Himmel reißt und den sauren Regen produziert, vor dem hier am Rande des Tiergarten (zunächst, im Pilotmodell) Richard Wagner geschützt wird.

Berlin liegt also wieder einmal vorn. Die Subventionen lohnen sich, denn immer noch wachsen in dieser Stadt, die wie keine von Vergangenheit lebt und nach Zukunft sucht, nicht nur Bauten, sondern auch Ideen aller Art.

Mathias Greffrath