Von Bartholomäus Grill

Muß es im Frühjahr einem leidenschaftlichen Landwirt nicht schwer ums Herz werden, wenn er fernab von grünenden Fluren in einer grauen Amtsstube hockt? „Ach wo“, sagt Matthias Kreuzeder und zieht augenzwinkernd an der Pfeife. Er hat sich an das triste Bonner Regierungsviertel, an sein schmuckloses Büro gewöhnt; hier arbeitet er nun schon den zweiten Lenz als Bundestagsabgeordneter der Grünen.

Arbeiten ist eigentlich der falsche Ausdruck. Hias, wie ihn alle rufen, rackert im Hochhaus Tulpenfeld für die Belange der schwer gebeutelten Klein- und Mittelbauern. Die eigenen Felder daheim in Eham, einem Nest unweit Freilassing, bestellt derweil sein Bruder. Dort freilich schmauchte Hias seinen Tobak sichtlich gelassener, im vergangenen Sommer, bei der Begehung seines feschen „Hoamat“: ein 25-Hektar-Mischbetrieb (zwanzig Tagwerk, rund sieben Hektar, hat er zugepachtet) mit guten Böden und gepflegtem Viehbestand. Stolz schritt er durch ein Haferfeld und deutete auf Kornblumen und andere Unkräuter und Ungräser, die seine konventionell wirtschaftenden Kollegen mit Stumpf und Stiel ausrotten.

Kreuzeders Hof ist ein Musterbeispiel naturschonender Landwirtschaft. Auch ohne chemische Keule, Hormonspritze und Kunstdünger-Streumaschine macht der 39jährige Bio-Bauer Gewinn – oder gerade deshalb, weil er darauf verzichtet. Er produziert gesunde Nahrungsmittel – Milch, Fleisch, Getreide – und verkauft sie frei Hof zu besseren Preisen an treue Kunden. Wenig Fremdmittel bei Durchschnittserträgen („Ich kaufe nur Lecksalz für die Kühe und Diesel für den Bulldog“) und Direktvermarktung heißt sein Erfolgsrezept.

Das möchte er nun als Bauer im Bundestag der siechen Landwirtschaft verschreiben. „Aber das ist gegen die Agrarmafia nicht so schnell durchzusetzen. Chemiekonzerne, Molkereien, Raiffeisen-Banken, Futtermittelfirmen, Landmaschinenhersteller und die Herren vom Bauernverband halten zusammen. Sie verdienen sich dabei dumm und dappig und liefern die Kleinen ans Messer.“ Der Oberbayer nimmt nirgendwo ein Blatt vor den Mund – auch nicht vor dem Hohen Haus. Gleich bei seiner ersten Rede im Bundestag und trotz „Knieschwammerl“ wetterte er gegen die „kapitalistische Zwangswirtschaft“ im Agrarsektor. Weil er so redete, wie ihm der Schnabel gewachsen ist, bat ihn der Parlamentsstenograph auf hochdeutsch fortzufahren. „Es tut mir leid, wenn Sie kulturellen Nachholbedarf haben. Ich verstehe Ihr Hochdeutsch auch“, konterte Hias. „Heiterkeit bei allen Fraktionen“, vermerkte das Protokoll.

Der humorige Redner kam flugs wieder zur ernsten Sache – zum Bauernsterben. Er schloß seinen Beitrag mit einer scharfen Attacke gegen den obersten Agrarpolitiker Ignaz Kiechle. „Herr Minister, Sie sind für mich und meine Kollegen schlimmer als ein Hagelschlag kurz vor der Ernte.“

Bei Versammlungen draußen auf dem Lande geht’s bisweilen noch höher her. Man muß dieses Energiebündel aus Eham erlebt haben, wenn er zu seiner Klientel spricht, als wäre er ein Bundschuhführer mitten im Bauernkrieg. Da kann es schon mal passieren, daß er einen betrunkenen Streithansl, der ihn einen Kommunisten schimpft, sanft am Schlafittchen packt und vor das Bierzelt setzt. Auch so verschafft sich der Pazifist Respekt. „Des is a Echter“, sagen die Bauern im Ruppertiwinkel. Und das will dort was heißen. Der Grüne gilt nicht als bürokratischer Silbenstecher oder christlicher Gesinnungsbauer, der EG-Beschlüsse ausdeutscht, sondern als einer, der stets Tacheles redet und den „Bauernfängern Strauß, Kiechle und Konsorten“ mit dem Dreschflegel droht.