Die zeitweise sogar im Bonner Parlament in Mode gekommene Gleichmacherei weicht nun immer mehr der weisen Erkenntnis, daß auch in einer Demokratie der nötige Abstand zwischen oben, unten und neben gewahrt werden muß. Das haben die Architekten von Bundestagspräsident Philipp Jenninger (CDU) begriffen und bei ihrer Planung für die Teilneubauten des Deutschen Bundestages gebührend berücksichtigt. Die Präsidial-Suiten des Neubaus, unweit der Baustelle in einem Pavillon als Modell zu besichtigen, sind so angelegt, daß die natürliche Distanz, die es nun einmal zwischen dem Präsidenten und seinen vier Vizepräsidenten – Annemarie Renger (SPD), Richard Stücklen (CSU), Heinz Westphal (SPD) und Dieter-Julius Cronenberg (FDP) – gibt, auch räumlich deutlich sichtbar gemacht wird. So gibt es einen gesonderten Präsidenten-Flügel, in dem Jenninger präsidieren wird, und einen davon getrennten Flügel für die vier Vizes, die ihren Oberen dann über einen Gang erreichen können. Bislang hat es im Deutschen Bundestag solche abstandwahrenden Unterschiede nicht gegeben. Präsident und Vizepräsidenten waren in einem Flügel unter einem gemeinsamen Dach.

Landwirtschaftsminister Ignaz Kiechle könnte sich Verdienste um die Kriminalliteratur erwerben, würde er mit großer Geste eine Personalentscheidung rückgängig machen, die er nach der Wende 1982 getroffen hatte. Damals schickte Kiechle den Leiter der Zentralabteilung, Ministerialdirektor Georg Cordts, aus politischen Gründen in den einstweiligen Ruhestand. Seither nun hat der mit üppiger Pension (etwa 8000 Mark) ausgestattete Ruheständler Cordts so viel Zeit, daß er gemeinsam mit Ehefrau Renate Kriminalromane aus dem Bonner Umfeld schreibt, die sicher nicht geschrieben worden wären, stünde Cordts weiter im anstrengenden Minister-Dienst. Auch der jüngste Bonn-Krimi des Ehepaares Cordts, schon der vierte, der unter dem Pseudonym Georg R. Kristan erschien, ist eine Anhäufung aller gängigen Bonner Klischees und folglich von minderer Qualität. Das Strickmuster, nach dem die Cordts/Kristans schreiben, ist von verblüffender Trivialität. Man nehme: einen MdB mit Beratervertrag im Langen Eugen, dem Abgeordneten-Hochhaus, ein paar Geschäftemacher, die Spielbank im nahegelegenen Bad Neuenahr, das kurfürstliche Lustschlößchen Redoute, eine Prise Waffenhandel, die Verschiebung von Millionen in die Schweiz, verrühre das Ganze mit Empfängen für schwarze Potentaten, Demos linker Studenten und lasse alles von zwei stereotypen Kriminalbeamten lösen. Schon hat man einen Polit-Krimi mit dem Titel „Spekulation in Bonn“, für Freunde des Genres ein Alptraum. Gewürzt ist das Stück auch noch mit einem Hostessen-Service, der nach Dienstschluß zu Sexspielen verpflichtet werden kann, wofür das schreibende Ehepaar eine Vorliebe bis zur Erschöpfung hat. Aber schließlich wissen die Cordts, wo es langgeht, wie der Klappentext bescheinigt: „Er kennt aus eigener Erfahrung die ministerielle Welt und ihre Verknüpfung mit der Politik – sie kennt die Bonner Atmosphäre und das Geflecht mancher Beziehungen.“ Vorschlag an Kiechle zur Güte: Der Minister könnte den Ex-Beamten reaktivieren und ihn EG-Verordnungen kommentieren lassen; das hat Georg Cordts schon früher, ganz ordentlich gemacht.

Bei den Personalratswahlen im Bonner Finanzministerium mußten der Beamtenbund und die Gewerkschaft öffentliche Dienste, Transport und Verkehr (ÖTV) beträchtlich Federn lassen. Im ersten Anlauf eroberte eine unabhängige „Freie Beamtenliste“ drei der acht Sitze, die der Beamtengruppe zustehen.

Das Hauptargument der Außenseiter für ihre unabhängige Liste: „Die Personalvertretung ist zunehmend zu einer Domäne der Gewerkschaften und Verbände geworden.“ Über die bisher stets von Gewerkschaften präsentierten Listen sei den Wählern die Möglichkeit genommen worden, „gezielt Personen ihres Vertrauens in den Personalrat zu wählen“. Die neue Freie Liste hat es jetzt möglich gemacht.

Sie schaffte es sogar auf Anhieb, ihren Spitzenkandidaten Thies Thormählen als Vorsitzenden des neuen Personalrates im Finanzministerium durchzusetzen. Dabei half allerdings das Los, da in der Beamtengruppe Freie und ÖTV zusammen gleich stark wie der Beamtenbund vertreten sind. Thormählen ist Regierungsdirektor und Fachmann für Subventionspolitik. Sein Amtsvorgänger Günter Wilke muß sich jetzt mit dem Rang eines einfachen Vorstandsmitgliedes begnügen.

Wolfgang Hoffmann