Der Asbestalarm kommt um Jahrzehnte zu spät

Von Fritz Vorholz

Die Telephone liefen heiß. Eltern fürchteten um die Gesundheit ihrer Kinder. Die Senatorin bangte um den Frieden an den Schulen. Stunden später trat sie die Notbremse und ließ im März an 47 Schulen 366 Klassenräume sperren. Zehntausend Schüler mußten umziehen: Asbestalarm in Hamburg. Schulsenatorin Rosemarie Raab: "Eine Vorsorgeaktion."

Bis zu 300 000 winzige Asbestfasern pro Kubikmeter waren in der Atemluft von Hamburger Schulpavillons gemessen worden. Ein Kubikmeter Luft reicht zum Atmen etwa ein bis zwei Stunden aus. Danach stecken knapp zehn Prozent der Fasern im Lungengewebe. Wenn es schlimm kommt, brauchen sie dort zwanzig, dreißig, manchmal mehr als vierzig Jahre, bis sie eine Vernarbung der Lunge, die Asbestose, ausgelöst haben. Sie können auch Lungen-, Rippen- oder Bauchfellkrebs verursachen. Je mehr Fasern in der Lunge stecken, desto größer ist das Risiko. Mediziner können keinen Wert angeben, bei dem kein Risiko mehr besteht. 300 000 Fasern aber sind dreihundertmal mehr, als das Bundesgesundheitsamt als Orientierungswert angibt. "Deutlich unterhalb von 1000 Fasern", lautet die Empfehlung aus dem Jahr 1981. Deshalb hatten die Hamburger Eltern Angst.

Das "Hoch im Norden", wie die Hamburg-Werbung die Hansestadt gern hochjubelt, wurde von der Lokalpresse zur "heimlichen Asbest-Hauptstadt" herabgestuft: Das Abendblatt ließ die Angehörigen von Arbeitern zu Wort kommen, die an Asbestkrankheiten gestorben waren; die Morgenpost machte jährlich einhundert Asbesttote allein in Hamburg aus und forderte: "Stoppt den Asbest-Mord!"

Jetzt will der Hamburger Umweltsenator Jörg Kuhbier die feine Faser möglichst rasch aus dem Verkehr ziehen. Bei der nächsten Sitzung der Umweltminister der Länder und des Bundes Mitte April steht das Asbestverbot auf der Tagesordnung – zu spät und ohne Aussicht auf Erfolg.

Zu spät, weil der Ausstieg aus dem "Material der tausend Möglichkeiten", das vor allem zur Schall- und Hitzeisolierung dient, schon weit fortgeschritten ist. Wurden 1976 noch fast 190 000 Tonnen verbraucht, so sind es heute weniger als 60 000. Und die Asbestzement-Industrie, die den größten Teil davon zu Dach- und Fassadenplatten verarbeitet, will ohnehin bis 1990 ihre Hochbauprodukte ganz asbestfrei herstellen. Ein Verbot würde deshalb nur noch minimalen Fortschritt bringen.