Das Telephon klingelt – und jeder geht dran. Nur wenige Menschen bringen es über sich, das dräuende, lockende Signal zu ignorieren, wenn sie mal ungestört sein wollen. Schließlich will der Mensch wissen, was hinter dem Läuten steckt. Neugier überwältigt seine Gelassenheit.

Die Erfindung des Philipp Reis wird gemeinhin als ein Segen der Zivilisation geschätzt. Nicht ohne Grund gibt es in der Bundesrepublik dreißig Millionen Telephone: 22 Milliarden Telephongespräche im Jahr künden von unserem zwanghaften Vergnügen am Telephonieren.

Aber manchmal fällt uns das Gerät auch auf den Wecker, wird es unangenehmer, als die Gerichte erlauben. In zwei Fällen haben Richter jetzt ein lautes Nein gesagt: das eine zum hinterlistigen, heimlichen Aufnehmen der Partnerstimme auf Band, das andere zur lästigen Telephon-Wahlwerbung politischer Parteien.

Der Bundesgerichtshof hat es endgültig verboten, Stimme und Sprache des Dialog-Partners heimlich auf Band festzuhalten. Für ein Telephongespräch sei ebenso wie für ein Gespräch unter vier Augen charakteristisch, daß es im Bewußtsein der Flüchtigkeit des gesprochenen Wortes und seiner „jederzeitigen Korrigierbarkeit“ geführt werde. Deshalb greife die Fixierung und Konservierung jedes Gespräches auf Tonband intensiv in das Recht zur Selbstbestimmung über das eigene gesprochene Wort ein. Basta.

Auch das Oberlandesgericht Stuttgart hat sich endgültig zum Schutz der häuslichen Sphäre durchgerungen, nachdem das Landgericht Ulm sie nicht so wichtig genommen hatte: Die Oberinstanz verbot der CDU vor der Wahl in Baden-Württemberg Wahlwerbung durchs Telephon. Dem Interesse des einzelnen, in seiner Wohnung ungestört zu bleiben, gebühre Vorrang vor den Interessen einer politischen Partei an Wahlerfolgen: „Zur politischen Willensbildung sind Telephonanrufe im privaten Bereich weder erforderlich, noch geeignet; sie bergen vielmehr die Gefahr des Mißbrauchs in sich.“ Bravo. Irgendwann muß Ruhe sein.

Das möchte man gern auch von jenen Telephon-Lüstlingen sagen können, die nächtens alleinstehende Frauen mit ihren Anrufen terrorisieren. Sie werden gewöhnlich fühlbar bestraft. Relativ milde kam vor kurzem ein offenbar seelisch kranker Mensch aus Bad Säckingen am Oberrhein davon, dem siebentausend (!) solcher Anrufe vorgeworfen wurden. Das Gericht verurteilte ihn zu psychotherapeutischer Zwangsbehandlung und einer Buße von 800 Mark.

Eine ganz merkwürdige Eigenheit des Telephons ist die ihm unverständlicherweise immer wieder eingeräumte Priorität: Bei Gesprächen, Unterredungen, Vorsprachen pflegt der Gesprächspartner mit Telephon die leibliche Gegenwart eines Besuchers zu mißachten, sobald das Gerät ihn klingelnd aufschreckt. Er greift zum Apparat, er wendet sich, auf ein technisches Signal hin, vom persönlich gegenwärtigen Menschen ab, um einen weit entfernten zu bevorzugen. Besonders ärgerlich ist dies für einen Bürger, der auf solche Weise in einer Amtsstube brüskiert wird: die elektrische Apparatur zerstört nicht nur den individuellen Kontakt, sie läßt den Gang zum Amt als geradezu albern erscheinen.