Europa und die USA drängen auf zügige Liberalisierung des Marktes

Von Christian Tenbrock

Richard Gephardt mag im Rennen um das Weiße Haus auf der Verliererstraße sein, in Südkorea ist er ein bekannter Mann. Schuld hat ein ebenso einfacher wie erfolgreicher Fernsehwahlspot, mit dem der Bewerber um die demokratische Präsidentschafts-Kandidatur unfaire Handelspraktiken der Koreaner anprangerte: 48 000 Dollar, drohte Gephardt, würde unter seiner Präsidentschaft ein koreanischer Kleinwagen der Marke Hyundai-Excel auf dem US-Markt kosten, so viel nämlich, wie Autokäufer in Korea jetzt schon für das K-Modell von Chrysler zahlen müssen.

Spätestens seit dieser Wahlwerbung gilt der Amerikaner in Korea als knallharter Protektionist, der Amerikas Industrie auf Kosten erfolgreicher ausländischer Konkurrenten sanieren will. Dabei verweist der US-Demokrat nur auf Fakten, die die Koreaner schwer widerlegen können. Während der Excel in den USA rund 7000 Dollar kostet, treiben Zölle, Steuern und Abgaben die Preise ausländischer Autos in Korea hoch. Ein Audi 200 kostet umgerechnet etwa 140 000 Mark, für den Mercedes 300 SEL muß man gar über eine Viertelmillion auf den Tisch legen. Von der mit Fanfarenklängen angekündigten Importliberalisierung – erst seit Mitte vergangenen Jahres ist die Einfuhr von Autos überhaupt erlaubt – bleibt da nicht viel übrig. "Importprodukte werden vielfach schlicht und einfach so verteuert, daß sie aus dem Markt fliegen", beobachtet ein westlicher Diplomat und Kenner der Seouler Handelspraxis.

Der Ärger über den "kleinen Tiger" aus Fernost wächst und beschränkt sich nicht nur auf die von Defiziten in Handel und Haushalt geplagten Wirtschaftslenker in Washington, denen die Koreaner im gegenseitigen Warenaustausch 1987 ein Minus von fast zehn Milliarden Dollar bescherten. Ungewohnt harsche Töne sind auch aus der Brüsseler Zentrale der Europäischen Gemeinschaft EG zu vernehmen. "Korea muß endlich lernen, sich an Normen zu halten, die unter zivilisierten Ländern gelten", schimpft ein hochrangiges Mitglied des diplomatischen Korps der EG in Südkoreas Hauptstadt. Dumping-Praktiken, Nichtbeachtung von Patent- und Urheberrechten, die Abschottung des eigenen Marktes durch ein dichtes Gestrüpp tarifärer und nicht-tarifärer Handelshemmnisse und die Unterbewertung der koreanischen Währung sind nur einige der Punkte, die die USA und die EG Seoul vorwerfen.

Leiden an Japan

Die so Gescholtenen nehmen es mit einer Mixtur aus Verwunderung, Verständnis und Larmoyanz. Ein "Musterschüler" sei Korea, der jetzt "wegen seiner Erfolge geprügelt" werde, erklärt Seouls Finanzminister Sakong II. Daran ist vieles wahr. Das Land hat sich mit Bienenfleiß, Billiglöhnen und einer den Japanern abgeschauten, strikt auf den Weltmarkt ausgerichteten Wirtschaftsstrategie emporgearbeitet. Mit einem durchschnittlichen Realwachstum von 10,1 Prozent während der vergangenen fünf Jahre lagen die Koreaner unangefochten an Nummer eins in aller Welt. Die Exporte stiegen 1987 um mehr als ein Drittel auf 47 Milliarden Dollar, das Leistungsbilanzplus ist inzwischen das vierthöchste unter allen Handelsnationen der Erde und liegt bei 9,8 Milliarden Dollar. Klar, daß da in den etablierten Industrienationen die Angst vor einem "zweiten Japan" wächst: "Das ist eben das Pech der Koreaner", sagt der EG-Diplomat, "das lange Leiden der Europäer gegenüber Japan". Dem Tiger sollen ein paar seiner gar nicht mehr kleinen Zähne gezogen werden, bevor es zu spät ist.