Überlegungen zum Kino des Nicholas Ray

Von Norbert Grob

Nichts sagen, sondern zeigen: Oberflächen, action, Bewegung inszenieren. Das Kunstvollste schaffen, als sei es Teil, Ausschnitt der Natur.

Im Hollywood-Kino offenbart sich die Wahrheit der Seele durchs Handeln. So wenig die Helden hier über sich nachdenken, so süchtig sind sie danach, sich zu erleben – in Taten und Gesten. Durchs Handeln reden sie von ihren Gefühlen, ihren Leidenschaften, ihren Zweifeln – ohne viel Worte zu machen.

Nicholas Rays Helden faszinieren durch die Grandezza ihres Scheiterns, durch die Größe und Würde, mit der sie ihre Verzweiflung ertragen: schweigend.

"Figuren zeichnen" nannte Ray die Arbeit an seinen Charakteren. Das verweist auf die bildliche Natur, die er ihnen zugrundelegt. Das Visuelle soll sie näher definieren. Ray dachte seine Protagonisten jenseits von Funktionalität, auch jenseits von Psychologie. Man sollte sie als künstliche Entwürfe nehmen, wie die Musik oder das Dekor. Also ganz selbstverständlich.

Gloria Grahame im Wirrwar ihrer Gefühle: zwischen Liebe, Mißtrauen und Angst (In A Lonely Place – "Ein einsamer Ort", 1950). Robert Mitchum in The Lusty Men ("Arena der Cowboys", 1952) zwischen seiner Sehnsucht nach Ruhe und seinem Willen, mit sich selbst ins Reine zu kommen, bevor er stirbt. Mercedes McCambridge in Johnny Guitar ("Wenn Frauen hassen", 1954), die haßt, was sie liebt. Und James Dean in Rebel Without A Cause ("Denn sie wissen nicht, was sie tun", 1955): Männer und Frauen, die heillos zerrissen sind. Das ist das Zentrum. Sie wollen das Große, das Endgültige, und müssen dann doch zurückstecken. Ihre Hoffnung am Ende: das bloße Leben; ihr Ziel: das Einfache, das sie früher nur als Niederlage sehen konnten.