Mein Fernseher steht jetzt früher auf als ich. Schon morgens um sechs rappelt es in der Kiste: Das sind die Satellitenprogramme. Dann sagt mein Fernseher „Guten Morgen mit SAT 1“, während ich von vergangenen Zeiten träume, von damals, als es die Idee von einem fernsehfreien Tag noch gab. Aber jetzt ist schon um 6.30 in diesem Kasten die Hölle los: Das nächste Programm fällt ein. „Guten Morgen, Deutschland.“ Der zackige Gruß kommt aus Luxemburg, RTL plus beginnt sein Frühstücksmagazin. Ich noch im Schlafanzug, Herr Pessler schon geschniegelt. Mit dem insistierenden Charme eines klinkenputzenden Schnürsenkelvertreters kontaminiert er meinen Morgen. Noch barfuß bin ich schon vor dem Zähneputzen auf der Flucht vor diesem Grinser, vor seinen angespannten Kindereien, vor dieser plumpen Vertraulichkeit. Ist es Wahn oder stimmt es doch? Grinsen sie nicht mittlerweile auch schon in den öffentlich-rechtlichen Sendern wie dieser Herr Pessler?

Die Damenriege von SAT 1 trägt Minirock. Riegenführerin ist Frau Lallinger, die wir zärtlich Lalli nannten, als sie noch im Bayrischen Fernsehen auftrat. Schon im Morgengrauen zeigt man Bein und redet auch darüber. In diesem Studio geht es zu wie in einem verklemmten Animierbetrieb in der Provinz. Tja, Beine, denke ich und halte meine eigenen von der Schlafanzughose bedeckt. Beine können gerade sein, aber auch krumm (und an unterschiedlichsten Stellen zu dick). Soll ich mit diesen deprimierenden Einsichten in die Unzulänglichkeiten des menschlichen Körperbaus meinen Tag beginnen? Und überhaupt, wie spät ist es eigentlich?

Frau Lallinger leitet gerade ein Mitmach-Spiel, genannt „Der goldene Schuß“. Zuschauer können über Telefon eine Armbrust manövrieren und auf eine Scheibe schießen. War das nicht ein großer TV-Erfolg in den sechziger Jahren (mit Lou van Burg als Showmaster)? Da könnte man also nach Adam Riese noch gut zwanzig Jahre schlafen, bis der Wecker klingelt. Gute Nacht mit SAT 1.

In England gibt es das Breakfast-TV. Jetzt gibt es bei uns das Frühstücksfernsehen: ein Konglomerat aus Nachrichten, Sport, Horoskop, Küchentips, Videoclips und Plaudereien. Der Wetterfrosch von RTL plus, Herr Steinbauer, wirbt stets beim Publikum um gutes Wetter und biedert sich mit Reimereien an: „Einen schönen Tag ohne Sorgen und vor allem einen Guten Morgen.“ Man kann vor der Glotze turnen („Fit mit SAT 1“) oder hundert Jahre alt werden mit RTL plus („Gesund in den Tag“). „Presseschau“ von SAT 1 bot neulich vier Zeitungen an: Hamburger Abendblatt, Frankfurter Allgemeine, Welt und Bild. Das nenne ich den goldenen Schuß.

Zu den Höhepunkten der Morgendämmerung aus Luxembourg, die noch vor neun Uhr unmerklich in eine Seifenoper mündet, die „Springfield Story“, gehört ein Werbespot. Während meiner Beobachtungen kam es darin zu einer Umbesetzung. Frau Dose gab auf. Jetzt ist es Frau Krauß, die einen frischgepreßten Orangensaft von einem „Valensina“-Konzentrat nicht unterscheiden kann: ein weiteres Beispiel für das Ende des Differenzierungsvermögens. Das sind die heimlichen Triumphe der Privatanbieter.

Von der Leichtigkeit englischer Entertainer haben unsere Frühstücksmoderatoren noch immer nichts. Faxenmacher sind sie, Seelenverkäufer, Statisten. Die englische Version, die man jetzt nachäfft, verhält sich zum Frühstücksfernsehen wie das englische zum continental breakfast. Hier gibt es vor allem Marmelade (70 Prozent Zucker). Guten Appetit, Deutschland!

Früher war morgens um sieben die Welt noch in Ordnung. Jetzt beschert uns die Technik eine wahre Morgendämmerung: das Satellitenprogramm. Mag sein, dessen Zuschauer endet in absehbarer Zeit, wie Anthony Perkins in Hitchcocks „Psycho“. Lauernd sitzt der Zuschauer in seinem Fernsehsessel, während sein leerer Blick über die kahlen Wände tastet, wie auf der Flucht vor dem Geflimmer des Apparats. Nur eine Fliege an der Wand rettet ihn vor den gierigen Blicken der Plaudertasche Pessler. Düsteres Ende eines Fernsehmorgens. Mein Vorschlag: Weiterschlafen.

Helmut Schödel