Von Stefan Schaaf

Boxberg

Der Bauer August Ehrly ist ein knorriger, bodenständiger Mann. Als deutscher Landwirt habe er damals gehandelt, sagt er, und das könne er vor seinem Gewissen und dem Herrgott verantworten. „Aber seitdem ist der Krieg ausgebrochen.“ August Ehrly ist es ernst mit dieser Feststellung. Als „Drecksau“ haben ihn Kollegen beschimpft, und seinem Onkel, den er sechs Jahre lang jeden Sonntag besucht hatte, durfte er nicht einmal mehr zum 90. Geburtstag gratulieren. Dessen Pflegesohn hat ihm das Haus verboten.

August Ehrly ist einer von fünfzehn Bauern in Boxberg, die gegen den geplanten Bau einer Teststrecke von Daimler-Benz geklagt und vor einem Jahr vom Bundesverfassungsgericht recht bekommen hatten. Für Zwangsenteignungen zugunsten des Automobil-Konzerns bestünde keine rechtliche Grundlage, entschied das hohe Gericht Ende März vergangenen Jahres. Boxberg, dieses badische Niemandsland zwischen Heilbronn und Würzburg, war spätestens mit diesem Urteil zum Begriff geworden, zu einem Begriff, mit dem sich der Unmut gegen technische Großprojekte verbindet.

Die verkaufsunwilligen Bauern, die sich in der Bundschuh-Genossenschaft zusammengeschlossen hatten, behielten ihre Grundstücke. Die Teststrecke war gestoppt, der Krieg begann. „Es ist viel schwerer, Sieger zu sein als Verlierer“, sagt August Ehrly. Die Mehrheit der Boxberger war für die Teststrecke und ist es auch heute noch. Die Sieger sind in die Isolation geraten, ein Jahr nach dem Urteil. Zwar ist kein Erdreich abgetragen worden von den gut 600 Hektar fruchtbaren Ackerbodens, dort, wo das langgezogene Beton-Oval der Piste geplant war, 4,6 Kilometer lang, 1,4 Kilometer breit. Es wurden andere Gräben aufgerissen, tiefergehende, die mitten durch Familien, Freundschaften und das Gemeindeleben verlaufen.

In Schwabhausen, einem der zwölf Ortsteile von Boxberg, kann man das fast körperlich fühlen. Da hat man zum Beispiel dem Bundschuh-Bauern Herbert Hettinger einen gefüllten Benzinkanister in die Grünkern-Darre gesteckt, und der wäre ihm wohl um die Ohren geflogen, hätte er ihn nicht noch rechtzeitig bemerkt. Ein Fahrer, der Sprudel ausliefert, mußte in ein anderes Gebiet versetzt werden; in Boxberg hatten ihn viele boykottiert, weil er der Sohn eines Bundschuh-Bauern ist. Dem evangelischen Pfarrer Robert Pöltl, der von Anfang an gegen die Teststrecke Partei ergriffen und auch von der Kanzel gegen die Zerstörung der Schöpfung gepredigt hatte, nahm man übel, daß er sich auch nach dem Urteil noch zum stellvertretenden Vorsitzenden des Bundschuhs hatte wählen lassen. 200 Unterschriften wurden für Pöltls Versetzung gesammelt, Kinder von seinem Konfirmationsunterricht abgemeldet, und in einem Fall hat ein Sohn die verstorbene Mutter nicht von Pfarrer Pöltl beerdigen lassen – der Sohn war ein Befürworter der Teststrecke.

Zu viele Erwartungen hatten die Befürworter mit dem 300-Millionen-Mark-Projekt verbunden. Auf rund tausend neue Arbeitsplätze hatten sie gehofft. Immerhin kamen ja auch schon sieben Zulieferbetriebe in den Boxberger Raum. Jetzt sind die dadurch geschaffenen zusätzlichen Arbeitsplätze, etwa 500, in Gefahr. Angestellte von Daimler, die nach Boxberg gezogen waren und hier zum Teil schon Eigenheime gebaut haben, müssen jeden Tag über hundert Kilometer nach Stuttgart zu ihrem Arbeitgeber fahren. Landwirte haben Grund und Boden verkauft. Seit dem Urteil wissen sie nicht, wie es weitergehen soll. Ulrich Kilian zum Beispiel: Er bekam einen festen Arbeitsplatz bei Daimler, sollte die landwirtschaftlichen Flächen innerhalb der Teststrecke verwalten. Jetzt kommt die Teststrecke nicht, und Ulrich Kilians Arbeitsplatz wird womöglich in Stuttgart sein. Die Vorstellung, daß er als Bauer vielleicht künftig am Fließband schaffen soll, bereitet ihm Unbehagen. Er steht zwar nicht vor dem Existenzminimum, da er seinen Hof ja für viel Geld verkauft und sich davon ein Haus im Ort hingestellt hat, aber seine Zukunft ist nicht auf sicheren Boden gebaut. „Ich will endlich wissen, wo ich hingehöre.“