Als die Ostfriesen nach Sindelfingen kamen und hörten, was das Wohnen im Schwabenland koschtet, fielen sie gleich tot um. Das berichtet jedenfalls der Geschäftsführer der Industrie- und Handelskammer, Walter Vaas. „Die Mieten hier sind eben sauteuer. Und wer sich ein Reihenhäusle kaufen will, der muß schon mit 450 000 Mark rechnen. Dafür kriegt man in Oldenburg ganze Parkanlagen.“ Für die FDP sitzt der Rechtsanwalt Thomas Kirking im Sindelfinger Gemeinderat. Er stammt aus dem rheinischen Moers und hat vor zwölf Jahren in eine alte Sindelfinger Familie geheiratet. Er ist heute noch immer wieder verblüfft, wenn er aus beruflichen Gründen ins Bayerische fahren muß und dort im Supermarkt einkauft. Da kriegt er dann für das gleiche Geld „fast das Doppelte“.

Als Hartmut Scupin noch Oberbürgermeister in Braunschweig war, hat er bei aufwendigen Bauvorhaben immer nur gesagt: „Wenn wir hier doch nur Sindelfinger Verhältnisse hätten...“ Dann wurde der christdemokratische Caritas-Direktor nach fünf Jahren Amtszeit von einer rot-grünen Mehrheit abgewählt und suchte sich ein neues Betätigungsfeld. So kam er als für das Soziale zuständiger Bürgermeister nach Sindelfingen. Hier hat er sich unter anderem um 700 Sozialhilfeempfänger zu kümmern. In Braunschweig, das fünfmal so viele Einwohner hat, gab es 9000, also fast 13mal so viel. Im Prinzip gefallen dem Bürgermeister Scupin die Sindelfinger Verhältnisse sehr, doch hat er manchmal auch das Gefühl, daß in einer solch reichen Stadt „die Bürger entmündigt sind“. Wenn etwa auf dem Marktplatz ein Fest unter Beteiligung der Vereine gefeiert wird, „dann erwarten die alle, daß der Bauhof die Stände bringt, in Braunschweig machen das die Vorsitzenden der Vereine mit ihren Privatautos“.

Die Ostfriesen wurden vom Daimler aus den günstigen Oldenburger Parkanlagen in die teuren Sindelfinger Reihenhäusle gelockt. Der Daimler und Sindelfingen seien wie „ein altes Ehepaar“, sagte kürzlich der Vorstandsvorsitzende Edzard Reuter. Ohne den Daimler wäre Sindelfingen nicht die reichste Stadt Deutschlands und nicht die einzige, die mehr Arbeitsplätze als Einwohner hat. Das Werksgelände von Daimler umfaßt 200 Hektar. Die Sindelfinger Kernstadt kommt mit 150 Hektar aus. Beim Daimler schaffen 46 000 Menschen, so viele wie sonst in Deutschlands Süden nirgendwo auf einem Haufen. Einige fahren jeden Morgen und jeden Abend 100 Kilometer weit, sie kommen aus dem ganzen südwürttembergischen Raum. Den Arbeitsmarkt der qualifizierten Kräfte auf der Schwäbischen Alb und in den Randtälern des Schwarzwaldes hat der Daimler schon lange abgegrast. So warb er denn, auf der Suche nach Fachkräften, vor drei Jahren 500 Arbeiter aus dem armen Ostfriesland an – „auch aus gesellschaftspolitischen Gründen“, wie Heiner Tropitzsch, der kaufmännische Werksleiter, sagt. Die innerdeutsche Entwicklungshilfe erwies sich als Fehlschlag: nur jeder zweite Ostfriese blieb.

Die 255 000 Einwohner von Braunschweig konnten 1986 über 267 Millionen Mark an Steuereinnahmen verfügen. Die 55 000 Einwohner von Sindelfingen über 316 Millionen Mark. Dies liegt an der Gewerbesteuerordnung. Braunschweig bekam 114 Millionen, Sindelfingen 267 Millionen – dank Daimler und seinen guten Geschäften. Sindelfingen hat damit Gewerbesteuereinnahmen, die in guten Jahren noch über denen Duisburgs mit seinen 517 000 Einwohnern liegen. Umgerechnet auf den Kopf eines jeden Bürgers ist das Realsteueraufkommen in Sindelfingen doppelt so hoch wie in Ludwigshafen, dreimal so hoch wie in München oder Hamburg. So gilt Sindelfingen, auf dessen Stadtgebiet 60 000 Arbeitsplätze liegen, als die reichste Stadt Deutschlands.

Wenn beim Daimler Schichtwechsel ist, dann sehen die Straßen in Sindelfingen, um Sindelfingen und um Sindelfingen herum aus wie zur Rushhour in Los Angeles – der wesentliche Unterschied: Fast jeder zweite Wagen ist ein guterhaltener Daimler. 18 000 Wagen kaufen die Mitarbeiter jedes Jahr. Das sieht das Unternehmen gern, denn es wird natürlich besonders sorgfältig gearbeitet, wenn der Mann am Fließband bei jedem Auto daran denken muß, gerade dieses könnte sein nächstes sein. Wenn Gemeinderatssitzung ist und die 49 Stadträtinnen und Stadträte in der für 23 Millionen Mark gebauten Tiefgarage am Marktplatz ihre Wagen parken, kommt jedesmal ein kleiner Daimlerpark zusammen. Und auch die SPD-Bundestagsabgeordnete Doris Odendahl fährt natürlich einen 190er Drei-Wege-Katalysator: „Wenn ich hier Abgeordnete bin, dann fahr ich das Auto, das hier, produziert wird.“

Vielleicht kamen die Ostfriesen ja auch nicht mit der Mentalität der schwäbischen Arbeiterschaft zurecht. Nach langen Bemühungen konnte vor drei Jahren endlich beim Daimler eine SPD-Betriebsgruppe gegründet werden. Sie hat 450 Mitglieder. Bei den letzten Landtagswahlen bekamen die Sozialdemokraten in Sindelfingen 34,2 Prozent, bei den Gemeinderatswahlen 1984 nur 27,7 Prozent. Dabei sind die Daimler-Mitarbeiter gewerkschaftlich stark organisiert. 94 Prozent der Arbeiter und 57 Prozent der Angestellten sind in der IG Metall, doch bei Streiks geben die 8500 ausländischen Kollegen den klassenkämpferischen Ton an. Manche seiner Kollegen, sagt der sozialdemokratische Betriebsrat Hermann Pfeffer, „fühlen sich wohl tatsächlich dem Mittelstand zugehörig, weil sie ein Häusle haben“.

Hermann Pfeffer fährt einen 200er Diesel und ist seit 1965 Mitglied des Gemeinderates. Damals standen von den 15 sozialdemokratischen Stadträten noch zwölf beim Daimler in Lohn und Brot. Heute sind es vier. Dazu kommt noch ein christdemokratischer Daimlerianer. „Dieser Rückgang ist nicht gut“, sagt Werksleiter Tropitzsch. „Aus dem größten Unternehmen am Ort sollen sich die Leute im Gemeinwesen engagieren.“ Das sieht auch Kurt Fauth so, der Personalleiter von IBM, dem mit 4300 Mitarbeitern zweitgrößten Arbeitgeber. Er bedauert: „Wir haben zur Zeit keinen direkten IBM-Stadtrat in Sindelfingen.“