Von Michael Haller

DIE ZEIT: Herr Professor Richter, kann es sein, daß die Menschen so dumm sind, daß man ihnen gehörig Angst machen muß, damit sie zur Vernunft kommen?

Horst-Eberhard Richter: Wenn eine reale Gefahr verdrängt wird, dann ist es nützlich, diese Gefahr immer wieder zu benennen. Manchmal brauchen die Menschen einen Anstoß, endlich die Augen aufzumachen, damit sie etwas gegen eine Bedrohung unternehmen. Aber wie kommen Sie zu Ihrer reichlich kraß formulierten Annahme?

ZEIT: Durch den öffentlichen Umgang mit Aids. Auflagenstarke Zeitungen und Zeitschriften – vor allem die Boulevardpresse und der stern, aber auch Schlagzeilen und Titelblätter des Spiegel – legen es darauf an, ihre Leser in Angst und Panik zu versetzen. „Jeder Achte, der diese Anzeige liest, hat Aids“, lautete zum Beispiel die Hauptzeile einer Anzeige im stern.

Richter: Das ist in der Tat Panikmache statt realistischer Aufklärung. Damit hilft man nicht, die Aids-Gefahr vernünftig einzuschätzen, sondern erhofft sich wohl, mit der Schock-Reaktion ein Geschäft zu machen.

ZEIT: Warum eigentlich kann man mit Angst ein Geschäft machen?

Richter: Aids trifft uns an unserem empfindlichsten Punkt. Es sah so aus, als sei die Medizin auf dem Weg, immer mehr Krankheiten zu besiegen und unser Leben durch unaufhaltsamen Fortschritt stetig zu verlängern. Und da bricht nun aus heiterem Himmel dieses Virus über uns herein, dem die Medizin bislang hilflos gegenübersteht. Wir werden damit mit einer Verletzlichkeit konfrontiert, die viele zu verleugnen gewöhnt sind. Daher die Aufgewühltheit, die Unruhe, die anfällig macht für aufbauschende Sensationsgeschichten. Hinzu kommt natürlich die Verknüpfung mit Sexualität, also mit tiefverwurzelten Triebkonflikten und Schuldgefühlen.