Das Scheitern des jungen Premiers wirft die Frage auf, ob die Katastrophe überhaupt zu vermeiden ist

Von Gabriele Venzky

Delhi, im April

In kaum einem anderen Land der Welt wird mit solcher Begeisterung und Hingabe gestreikt wie in Indien. "Streik", verkündet der Telegrammbote strahlend, als er mit zehntägiger Verspätung die eilige Botschaft bringt und fügt fast triumphierend hinzu: "Unbegrenzt!" Dabei entwickelt sich ein ganz bestimmtes Glühen in seinen Augen.

"Wir streiken", sagt begeistert der Busfahrer in Delhi vor seinem stillgelegten Vehikel. "Man muß es ihnen endlich zeigen." Wieder dieses ganz bestimmte Leuchten. "Wir haben weniger Rechte als andere Staatsangestellte", glaubt der Kassierer auf der Bank. "Deshalb Streik."

Die Wörter Bandh und hartal gehören in Indien ebenso zur ersten Lektion wie chapatti und dal – das sind die Grundnahrungsmittel, Fladenbrot und Linsen. Die nächste Grundvokabel ist englisch, weil dieses Wort unvergleichlich ausdrückt, was die gesamte Nation bedrückt, so daß es nicht mehr übersetzt wird: grievances. Das umfaßt die ganze Bandbreite von ungerechter Behandlung bis zu verletztem Stolz, ist aber, genau betrachtet, nichts anderes als ein Synonym für Frustration.

Enttäuschung und Resignation