Von Cathrin Kahlweit

Eine kleine Anzeige in einer überregionalen Tageszeitung: „Arbeitslose Schauspieler für Interviews gesucht.“ Nachts um zwei der erste Anruf. Begründung: „Da hätte ja ein Job drin sein können.“ Am Tag dann Dutzende von Nachfragen, die letzte nach drei Wochen. Äußeres Anzeichen einer Notlage, deren Opfer meist unbekannt bleiben: Sie haben den Traum vom tosenden Beifall vor dem roten Samtvorhang schon lange aufgesteckt, überleben irgendwie und leben von Brosamen und Hoffnung.

Vera beispielsweise seziert Schweine am Tierärztlichen Institut in Göttingen, Montag bis Freitag von 14 bis 18 Uhr. Bezahlt wird sie als ungelernte Kraft. Früher war sie Schauspielerin. Die zierliche, blonde Frau hatte nach ihrem letzten Engagement vier Jahre lang gesucht und keine feste Stelle an einer Bühne gefunden. Anfangs war sie noch voller Optimismus, später der Suche müde. „Ich bin zum Vorsprechen gefahren, nur um dort zu hören, daß sich die Theaterleitung nicht daran erinnern konnte, mich eingeladen zu haben. In vielen Fällen haben sie mich mit Ausreden statt offener Kritik nach Hause geschickt.“ Die Intendanten wollten schöne Dummchen, sagt sie. Frauen mit Selbstbewußtsein und ohne perfekte Wimpernform, zu denen sie sich selbst zählt, hätten da keine Chance. Vera war früher eine von vielen Schauspielern und Schauspielerinnen, die nicht wissen, ob sie sich als freischaffend oder als arbeitslos bezeichnen sollen. Denn die Grenzen sind fließend: Freischaffende Schauspieler bekommen gelegentlich ein Angebot für Film, Fernsehen oder Theater, arbeitslose Schauspieler warten darauf vergeblich.

Wie viele sich in der Bundesrepublik als Schauspieler bezeichnen und wieviele unter ihnen ohne Arbeit sind, wie viele sich durchschlagen mit künstlerischen oder mit unkünstlerischen Mitteln, das ist kaum festzustellen. Die Bundesanstalt für Arbeit spricht von 12 600 darstellenden Künstlern insgesamt, sagt aber selbst, daß diese Angabe wenig hilfreich sei: neben Schauspielern sind auch Tänzer, Sänger und Regisseure in der Zahl enthalten. Arbeitslos gemeldet sind davon immerhin 3877, darunter 1597 Schauspieler, doch auch diese Zahl ist nicht aussagekräftig: die meisten arbeitslosen Mimen melden sich nie, schließlich haben sie sowieso keinen Anspruch auf Leistungen aus der Nürnberger Kasse. Der Vorsitzende des Interessenverbandes deutscher Schauspieler (IVDS), Holger von Hartlieb, schätzt den Anteil der Unterbeschäftigten oder gar nicht Beschäftigten auf ein Drittel bis die Hälfte der auch ihm nicht genau bekannten Gesamtzahl. An den rund 400 deutschen Bühnen sind nur etwa 1300 Schauspieler fest angestellt. Alle anderen leben von der Hand in den Mund; zum Teil recht gut, zum überwiegenden Teil sehr schlecht.

Da ist zum Beispiel Nina Sommer (Name geändert) aus München. Sie hatte in schlechten Monaten 300 Mark, in guten 1600 Mark zum Leben. Das Geld für ihr Zimmer und die unregelmäßigen Mahlzeiten verdiente sie als Platzanweiserin im „Deutschen Theater“. „Ich wollte meinem Traumberuf jedenfalls nah sein.“ Der Job war gut. Vorher hielt sie sich mit Striptease und Nacktphotos über Wasser. Alles war ihr egal, Hauptsache Geld und irgendwie durchkommen. Nackt, halbnackt, na und? Schließlich ist sie nicht auf den Strich gegangen. Da die junge, an einer Privatschule ausgebildete Schauspielerin kein Engagement findet, läßt sie sich umschulen. Der Berufsberater riet-ihr zur Lehre in einer Anwaltskanzlei. Statt dessen macht Nina Sommer seit Herbst letzten Jahres eine Ausbildung als Tanztherapeutin.

Striptease ist die Ausnahme, aber wo sind die Grenzen der Kunst? Viele schlagen sich mit der Synchronisation von Pornos durch oder auch mit Werbung, sie spielen Puppentheater auf Kindergeburtstagen oder den Weihnachtsmann im Kaufhaus.

Im Synchron-Studio FFS wird ein Horror-Film synchronisiert. Im Warteraum sitzen auf mottenzerfressenen Fauteuils zehn Schauspieler, bekannte und unbekannte. Sie prüfen auf einer langen Liste, wann ihre Nummer zum nächsten „Take“ aufgerufen wird. Takes sind nur sekundenlange Ausschnitte aus einem Film. In diesem Horrorfilm gibt es kaum Text; die Synchron-Sprecher schreien einzeln, in Gruppen, lang, kurz, mit Atmer, ohne Pause. Vorlage: ein Mann, an einen Baumstamm gedrückt, von farbig blitzenden Geistern bedrängt, ein ängstlicher Schrei. Danach eine Gruppe Reisender, das gleiche Bild. Nur wer ausdrucksvoll und panisch geschrien hat, darf gehen.