Von Martin Lüdke

So war es. So ist es. "In jedem Haus, in dem der Kosak Sachen seiner Mutter oder Pfeifenrohre seines Vaters fand, ließ er erstochene Greisinnen zurück, über dem Brunnen aufgehängte Hunde und mit Kot beschmutzte Heiligenbilder." Am Ende zündet er das Haus seiner von den Weißen ermordeten Eltern an und verläßt endgültig sein Heimatdorf. Er hat Rache genommen. So erzählt Isaak Babel, von Budjonnys Reiterarmee, knapp, lakonisch, wortlos fast.

Doch nichts ist schwieriger als das Einfache. Um schlicht und einfach zu erzählen, um diese ganze trostlose Wirklichkeit zur Sprache zu bringen, dazu bedarf es höchst künstlicher Verfahren. Der erste Eindruck täuscht, in der Literatur so gut wie im, sagen wir, Leben.

Noch nie sei ihm, schreibt Konstantin Paustowskij in seinen Erinnerungen an Isaak Babel, ein Mensch begegnet, der einem Schriftsteller äußerlich so wenig ähnelte: klein und gedrungen und des "ererbten Odessaer Asthmas wegen fast ohne Hals", mit einer "Entennase" unter der faltigen Stirn, mit kleinen ölig glänzenden, dabei bohrenden Augen habe er wie ein Handlungsreisender ausgesehen, "natürlich nur, solange er nicht sprach". Zäh habe er gewirkt, skeptisch und fast zynisch schon, doch habe er "an die naive und gute menschliche Seele" geglaubt und darum oft das Bibelwort zitiert: "Die Kraft ist gierig, und nur der Kummer besänftigt die Herzen." Elias Canetti schwärmt in seiner Lebensgeschichte über seine Begegnungen mit Babel und räumt dabei ein: "Ich merke, wie wenig Konkretes ich über Babel zu sagen habe ... Er warf nicht mit großen Worten um sich und vermied es aufzufallen. Dort wo er sich verstecken konnte, sah er am besten." Solches Verhalten hatte er früh gelernt, lernen müssen.

Isaak Babel wurde 1894 als Sohn eines jüdischen Händlers in Odessa geboren. Mit seinen "Geschichten aus Odessa", Erzählungen vom einfachen Leben der einfachen Leute, von Gaunern und Banditen, Huren und Händlern hat er in den zwanziger Jahren nicht nur Canetti beeindruckt. Berühmt geworden ist er mit seinen Geschichten von der "Reiterarmee", also von den Wirren und Folgen der russischen Revolution, der Grausamkeit und dem Terror auf beiden Seiten, von der Not und dem Leiden der Menschen. Er habe, klagte Babel im Gespräch mit Paustowskij, keine Phantasie. Das mag sein. Doch hat er die Fähigkeit, oft mit wenigen Worten nur, die Phantasie seiner Leser zu entzünden. Moldawanka, das Stadtviertel von Odessa, in dem er geboren wurde, die Gegend um den Güterbahnhof, ist mit den Menschen, die dort einmal lebten, in seinen Geschichten lebendig geblieben. Er könne, klagte er weiter, nichts erfinden, auf seinem "Schild" sei die Devise "Echtheit" eingraviert. Dieser Zwang zum "Realismus", zur genauen Beschreibung, hat ihm – später und vielleicht buchstäblich – das Genick gebrochen.

Babel hat zeit seines Lebens nur beschrieben, was er erlebt und erlitten hat, die Pogrome des zaristischen Rußland und den Antisemitismus auch noch nach der Revolution. Als Schriftsteller fühlte er sich allein der Literatur verpflichtet, und das hieß für ihn – der Wahrheit. "Ich habe", sagte er einmal, "als Kind einen Judenpogrom erlebt. Ich bin am Leben geblieben, aber meiner Taube haben sie den Hals umgedreht." Deshalb werde er "nie die Ursache jener finsteren Niedertracht" begreifen, "die man so harmlos Antisemitismus nennt". Sehr früh schon hat er, von Maxim Gorki entdeckt und gefördert, angefangen zu schreiben. Aber kritisch und unbestechlich auch seiner eigenen Arbeit gegenüber hat er bald gemerkt, "daß die zwei, drei leidlichen Jugendarbeiten nur zufällig gelungen waren". Deshalb hat er sieben Jahre nichts geschrieben. Auf Gorkis Rat hin ist er unter die Menschen gegangen. Erst als er gelernt hatte, seine "Gedanken klar und nicht umständlich auszudrücken", fing er wieder "an zu schreiben", und zwar die Geschichten von der 1. Reiterarmee des Kosakengenerals Budjonny, vom ruhmreichen Kampf und von der Kehrseite des Ruhms, dem Krieg: "Vor meinen Fenstern hielten ein paar Kosaken einen alten Juden mit silbergrauem Bart gepackt, der wegen Spionage erschossen werden sollte. Der Alte schrie und wollte sich losreißen. Da klemmte Kudra, ein Soldat unserer MG-Abteilung, den Kopf des Alten unter seine Achsel. Der Jude verstummte und spreizte die Beine. Kudra zog mit der rechten Hand seinen Dolch, und vorsichtig, ohne sich zu bespritzen, erstach er den Alten. Dann klopfte er an die verschlossene Fensterlade. ‚Wenn einer möchte‘, sagte er, ‚kann er ihn wegschaffen. Das ist erlaubt.‘ Die Kosaken verschwanden um die Ecke."

In einem offenen Brief an Gorki, 1928 immerhin in der Prawda veröffentlicht, beklagt sich General Budjonny über den literarischen Gedenkstein, den Babel ihm gesetzt hat. Budjonny schreibt, die spätere Anklage vorwegnehmend, vom "Fieberwahn eines verrückten Juden", von "kleinbürgerlich-spießiger Weltanschauung und Psychologie", von "Weiberkram" und von einer "Schmähschrift". Gut zehn Jahre später, im Zuge der stalinistischen Säuberungen, wurde Babel der Prozeß gemacht. 1939 wurde er verhaftet. Zwei Jahre danach war er tot. Die Ursache bis heute unbekannt. Das Urteil des Militärgerichts wurde 1954 wieder aufgehoben – "auf Grund kürzlich bekannt gewordener Tatsachen", nämlich "wegen Fehlens eines kriminellen Tatbestands". Solche Lakonie entspricht, nur zynisch pervertiert, der Arbeitsweise von Babel. "Klarheit und Kraft der Sprache" besteht, so meinte er, darin, daß man aus einem Satz "nichts wegstreichen kann". Nur ein Genie könne sich zwei Eigenschaftswörter zu einem Hauptwort leisten. Babel war ein solches Genie, auch wenn er mit Adjektiven immer sparsam umgegangen ist.