Von Friedhelm Gröteke

Sie treffen sich nachts, zwischen Florenz und Bologna. Irgendwo, an der Bar, in der Toilette der Autobahnraststätte. Der eine, Lastwagenfahrer aus Mailand, zieht den Gebührenstreifen der Autobahn aus der Jackentasche, der andere, ein dicker verschwitzter Römer mit einem Tankzug, drückt dem Mailänder seine Gebührenkarte mit dem Einfahrtvermerk "Roma Nord" in die Hand – und steckt dafür gleichzeitig die Karte des Mailänders mit dem Aufdruck "Milano Sud" in seine Gesäßtasche. Ein Händedruck und beide donnern mit ihren schweren Brummis davon.

Später wird der Römer mit der Karte des Mailänders eine Station vor "Milano Sud" die Autobahn verlassen und so tun, als sei er erst vor wenigen Minuten in "Milano Sud" auf die Autostrada gekommen, er zahlt dann nur einen Streckenabschnitt von wenigen Kilometern. Für den Gegenwert von noch nicht einmal einer Deutschen Mark hat er 600 Kilometer Autobahn durchfahren. Der Mailänder präsentiert sich in gleicher Weise eine Station vor der Ausfahrt "Roma Nord" am Gebührenschalter und tut so, als sei er bei "Roma Nord" auf die Autobahn gefahren.

Das Ganze ist ein streng verbotener Betrug. Wer der italienischen Autobahnpolizei nicht glaubhaft nachweisen kann, weshalb er übermäßig lange auf diesen gebührenpflichtigen Schnellstraßen verweilt – und die Zeiten sind auf der Gebührenkarte eingestempelt –, riskiert sogar Gefängnis. Doch Kontrollen sind nicht eben häufig. Häufige Verkehrsstaus aber machen Ausreden leicht und glaubhaft. Das gilt nicht nur für die Ferienzeit, wenn zu den 26 Millionen italienischen Autos auch noch zwölf Millionen ausländische Wagen kommen.

Die Verlockung zum immerhin risikoreichen Mogelmanöver ist groß, weil die Autobahngebühren den Geldbeutel ganz schön strapazieren. Mit der Maut-Gebühr könnte der Autofahrer sich für die gleiche Strecke eine Fahrkarte zweiter Klasse samt Taxifahrt zum Bahnhof, ja fast sogar schon eine Reise erster Klasse mit der italienischen Staatseisenbahn leisten. Warum machen dann aber so wenige Autofahrer von dieser Möglichkeit gebrauch? Antwort: Weil Italiens Staatseisenbahn FFSS so schlecht funktioniert.

Das ist ein Segen für die Autobahngesellschaften, von denen die zum Staatskonzern IRI gehörende Società Autostrade SpA mit 2700 Kilometern das längste Streckennetz betreibt. Italien ist das europäische Industrieland, in dem der geringste Anteil an Gütern mit der Bahn befördert wird. Drei Viertel aller ausländischen Touristen reisen mit dem Wagen an, um Streiks, aber auch um Verspätungen und mangelhafte Verbindungen zu vermeiden.

Freilich geraten sie dafür oft genug schon mit ihrem Auto ins Gedränge, bevor sie überhaupt auf die Autobahn kommen. Schon vor dem Kontrollstrich und Zahlhäuschen, den "Caselli", bilden sich nämlich an den Wochenenden und zur Ferienzeit kilometerlange Staus. Und erst recht wird die Autobahn an solchen Tagen vor den Ausfahrten zur Falle, denn die 6000 Kassierer können den Touristenstrom dann einfach nicht mehr bewältigen, obwohl manche Maut-Stellen inzwischen auf zwanzig und mehr Spuren verbreiten wurden.