Ein teuflisches Spiel

Eine Finance-fiction-Geschichte von Bernhard Blohm

Regungslos saß John Rope am Schreibtisch. Seine Augen waren starr auf ein vor ihm liegendes Blatt Papier gerichtet, aber er schien es nicht zu sehen. Auf seiner Nase hatten sich winzige Schweißperlen gebildet, und er fühlte, wie kleine, kühle Tropfen durch die Haare seines gepflegten Oberlippenbartes rannen.

Heiß war es nur draußen, die Sonne bescherte New York noch einmal einen prächtigen Spätsommertag. In seinem Zimmer sorgte die Klimaanlage für eine angenehme Temperatur. "Verdammter Mist", grummelte Rope unvermittelt, stand mit einem Ruck von seinem Schreibtisch auf und ging zum Fenster.

Es mußte etwas geschehen, dachte Rope. Vor einer halben Stunde hatte der Computer Zahlen ausgedruckt, die beim Chef der New Yorker Investmentbank Nots, Ink & Matters eine mittlere Panik auslösten. Das Ergebnis des zweiten Quartals 1987 war für die Bank katastrophal ausgefallen: Umsatzrückgang um zwanzig Prozent, und – schlimmer noch – der Gewinn war von 278 Millionen Dollar auf ganze 45 Millionen Dollar abgesackt. Gnadenlos hatte es der Computer errechnet: Ergebnis minus 83,8 Prozent. Auch die ersten Daten für September versprachen keine Besserung, der Abwärtstrend ließ sich nicht mehr verbergen.

Keine halbe Stunde würde der Aufsichtsrat bei seiner nächsten Sitzung Anfang November brauchen, um ihn auf die Straße zu setzen, dachte Rope. Wenn er seinen Job behalten wollte – und daran lag ihm sehr viel – mußte er sich etwas einfallen lassen. "Diese elenden Börsengeschäfte. Wenn’s läuft, bist du König, aber sonst?" Rope ging zum Schreibtisch zurück. Ein schmaler Kranzbeschlagenen Glases zeigte, wo er sich mit der rechten Hand gegen die Fensterscheibe gestützt hatte.

Langsam fing er sich wieder. "Ausgerechnet heute muß ich auf diese blöde Party", seufzte er. Monty Clause, der Finanzminister, bat zum Dinner. Es war eine der üblichen Freßorgien, bei denen Politiker ihren betuchten Wählern Geld aus der Tasche ziehen, um damit den Wahlkampf zu finanzieren.

Rope empfand es als eine zweifelhafte Ehre, zum Kreis der Auserwählten des Finanzministers zu gehören. Ihn ärgerten die horrenden Eintrittspreise, und natürlich erwartete Clause auch einen Scheck über eine beträchtliche Summe. Daran kam man nicht vorbei, wollte man der New Yorker Gesellschaft nicht Anlaß zu gewissen Vermutungen über die eigene finanzielle Lage geben. Irgendwie ist das doch Erpressung, seufzte Rope. Andererseits: Das System, an anderer Leute Geld zu kommen, war schon clever. Ein wenig neidisch dachte Rope daran, wie schwer er sein Geld verdienen mußte und wie elegant sich die Politiker aus anderer Leute Geldtöpfe bedienten. Die wußten genau, daß sich ihre verehrten Gäste der Verpflichtung zur Großzügigkeit nicht entziehen konnten: Schreib’ einen ordentlichen Scheck aus,

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oder verabschiede dich aus der high society – eine andere Wahl gab es nicht.

Mit einem Ruck richtete sich Rope am Schreibtisch auf: finanzielle Lage, keine Wahl? Vor Aufregung bekam er rote Flecken im Gesicht. Abrupt drehte er mit dem rechten Fuß seinen schweren Ledersessel eine Vierteldrehung nach links und begann mit zitternden Fingern auf die Tasten seines Computers zu drücken.

Namen und schier endlose Zahlenkolonnen liefen über den Bildschirm. Wieder und wieder holte sich Rope neue Daten auf die flimmernde Mattscheibe. Und je länger er sie betrachtete, um so aufgeregter wurde der Chef der Investmentbank Nots, Ink & Matters. Fünfzehn, vielleicht zwanzig Minuten brauchte Rope, dann hatte er genug gesehen. "Das wär’ ein Ding", murmelte er vor sich hin, "mein Gott, es wäre die Rettung."

Plötzlich hatte Rope es eilig. Eine Sekretärin mußte seinen Wagen vorfahren lassen; der verdammte Computerausdruck verschwand im Schreibtisch. Rope griff seinen eleganten Lederkoffer und verließ das Büro. Er wußte genau, der schwierigste Teil seines Plans lag noch vor ihm, und zu Hause könnte er am besten alles in Ruhe bedenken.

Nots, Ink & Matters brauchte einen Verbündeten. Sicher, die Bank war eine der größten am Platze, aber das Rad, das Rope drehen wollte, war doch eine Nummer zu groß für ein Institut. Rope wußte, wer sein Partner bei diesem Spiel sein könnte. Heute abend, auf der Dinnerparty des Finanzministers, würde er Hamilton Lock, den Kollegen von Flipper-Rainbow, Incorporated treffen.

Locks Bank war fast so groß wie Nots, Ink & Matters, und zusammen waren sie ganz klar die Nummer eins in New York. Geschäftlich galten beide Häuser als erbitterte Konkurrenten. Sie betrieben die gleichen Börsengeschäfte und buhlten um dieselben Kunden. Niemand würde auch nur im Traum daran denken, daß diese Häuser gemeinsame Sache machten.

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,,,Jede Wette", dachte Rope, "Hamilton geht es nicht anders als mir."

Verabredung zum Golf

Und das galt nicht nur für die wirtschaftliche Situation der beiden Banken, sondern auch noch für ein ganz persönliches Problem der zwei Bankpräsidenten. Rope und Lock waren Anfang fünfzig – zu jung, um sich aufs Altenteil zurückzuziehen und zu alt, um problemlos einen angemessenen, neuen Job zu finden. Rope wußte, wenn überhaupt, dann war Hamilton Lock sein Mann. Genauso ehrgeizig wie er selbst, schätzte sein Konkurrent ebenso die angenehmen Seiten eines Lebens an der Spitze einer großen amerikanischen Investmentbank.

Am besten wäre es, Hamilton heute abend zu einer Runde Golf zu bitten, dachte Rope. Beide waren miserable Spieler. Sie fanden, daß Golf ein schrecklicher Sport sei, aber sie wußten keinen besseren. Denn das war nicht zu unterschätzen: Während der Suche nach verschlagenen Golfbällen ließ sich trefflich über geschäftliche Dinge reden. Des öfteren hatten sie dabei schon über vertrauliche, manchmal sogar etwas heikle Transaktionen gesprochen.

Als Rope spät in der Nacht die Party des Finanzministers verließ, war seine Stimmung spürbar besser. Überraschend schnell hatte Lock einem Golfspiel schon übermorgen, am Sonnabend, zugestimmt. Nicht einmal der ungewöhnliche Vorschlag, sich schon in aller Frühe um acht Uhr morgens auf dem Platz zu treffen, hatte Lock sonderlich irritiert. Es läßt sich gut an, dachte Rope auf dem Heimweg.

In der Nacht von Freitag auf Sonnabend konnte Rope vor Aufregung kaum schlafen. Immer wieder ging er das geplante Gespräch mit Lock durch. Er mußte behutsam vorgehen, sagte er sich, durfte am Anfang nicht zu viel verraten. Praktisch jederzeit mußte das Gespräch eine andere, unverfängliche Wendung nehmen können, falls Lock erkennen ließ, daß er bei diesem Coup nicht mitmachen wollte. Nicht einmal seinem besten Freund hätte Rope im Normalfall von seinem Plan erzählt, und nun mußte er sogar mit einem Konkurrenten darüber reden. Nein, die Sache durfte nicht schiefgehen.

Am Golfplatz angekommen, stellte Rope zufrieden fest, daß Lock schon auf ihn wartete. Sie verstauten ihre Ausrüstung in einem Elektrokarren und fuhren schweigend zum ersten Abschlag.

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Rope mußte sich nicht sonderlich anstrengen, um seinen Ball in ein gut hundert Yards abseits der Strecke liegendes Wäldchen zu wuchten. Dort, bei der Suche nach dem verschlagenen Ball, begann er zu reden. Wie denn Hamilton die derzeitige Börsensituation beurteile? Ob er auch so optimistisch sei wie fast alle Kunden von Nots? Was er denn davon halte, daß die Spekulanten sich bis über beide Ohren verschuldet hätten, um Aktien zu kaufen? Das sei doch sicher bei Hamiltons Bank nicht anders?

Das Gespräch nahm einen für Rope erfreulichen Verlauf. Auch sein Kollege hielt trotz des allgemein vorherrschenden Optimismus die Situation an der Börse für sehr labil. Über die hohen Schulden seiner Klientel habe er sich auch schon Sorgen gemacht. Und dann kam eine Bemerkung, auf die Rope sehnlichst gehofft hatte. "Dem Umsatz tut das gar nicht gut, die Leute sitzen auf ihren Aktien und warten, daß endlich Gewinne anfallen", sagte Lock. Kein Zweifel, Flipper-Rainbow, Inc. erging es nicht anders als Nots, Ink & Matters, auch dort stand es nicht zum besten.

Rope ging aufs Ganze. "Glaubst du denn, daß wir in diesem Jahr noch eine Hausse erleben?" fragte er vorsichtig. Hamilton schüttelte den Kopf, auch er rechnete nicht mehr mit steigenden Kursen an der Börse.

"Sollte man dann nicht auf Baisse setzen?"

"Wenn man weiß, wann die Kurse fallen."

"Und wenn man weiß, wann sie fallen?"

Lock drehte sich langsam zu seinem Golfpartner um und schaute ihn fragend an. Rope holte tief Luft, dann erzählte er seinen Plan.

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Beide waren ausgefuchste Börsenprofis, die das Geschäft von der Pike auf gelernt hatten. Sie wußten, in welcher unangenehmen finanziellen Situation sich die meisten ihrer Bankkunden im Augenblick befanden. Schon ein relativ kleiner Kursrutsch an der Börse zwänge sie zum Handeln: Amerikanische Gesetze schreiben nämlich vor, daß Aktien nur bis zur Hälfte des Kurswertes auf Kredit gekauft werden dürfen, für die andere Hälfte müssen die Anleger eigenes Geld aufbringen. Ist dieser Kreditrahmen vollständig ausgeschöpft, so haben Spekulanten bei einem Kursrückgang am Aktienmarkt nur zwei Möglichkeiten. Entweder sie zahlen zusätzliches Geld auf das Kreditkonto bei ihrer Bank ein, damit die Fünfzig-Prozent-Grenze eingehalten werden kann, oder aber die Bank verkauft automatisch so viele Aktien aus dem Depot und tilgt damit einen Teil der Schulden, bis Depotwert und Kredit wieder im vorgeschriebenen Verhältnis zueinander stehen.

Die Computer in ihren Büros zeigten Rope und Lock, daß die meisten ihrer Kunden keine Wahl hatten. Sie waren bis über die Ohren mit Krediten vollgepumpt, keinen einzigen Dollar würden sie mehr auftreiben können. Schon ein kleiner Kursrückgang würde nahezu automatisch Aktienverkäufe aus den Kundendepots von Flipper-Rainbow, Inc. und Nots, Ink & Matters und mit Sicherheit auch noch bei anderen New Yorker Banken auslösen. Das brächte die Aktienkurse an der Wall Street zusätzlich unter Druck. Beide erkannten, daß das für ihr Vorhaben eine ausgesprochen günstige Situation war.

Rope und Lock wußten, daß sie nur noch für zwei Dinge zu sorgen hatten: Sie mußten ihre Banken auf einen Kursrückgang am Aktienmarkt vorbereiten, und sie mußten an der Börse für den Anstoß sorgen, der die Kurse ins Trudeln bringen sollte.

In der kleinen Baumgruppe erzählte Rope seinem Partner, wie dies diskret und ohne Aufsehen geschehen könnte. Zuerst sei es notwendig, daß die beiden Banken den größten Teil ihrer eigenen Aktienbestände verkauften. Natürlich könnte man das nicht auf einen Schlag tun, man sollte sich dafür ruhig eine Woche Zeit nehmen und die Papiere an möglichst vielen Börsenplätzen in nicht zu großen Partien abgeben. Dadurch würde viel Geld in die Kasse kommen, das dann auch nötig wäre, um bei sinkenden Kursen an der Börse die Gewinne ihrer beiden Banken kräftig aufzubessern.

Lock nickte zustimmend. "Wir sollten dieses Geld dann an den Terminmärkten in Chicago, New York und Philadelphia einsetzen", meinte er leise, und er zeigte damit, daß er Ropes Plan in allen Einzelheiten voll durchschaut hatte. Denn für eine solche Baisse-Spekulation, wie Fachleute das Geschäft nennen, bei dem mit sinkenden Kursen an der Börse Gewinne gemacht werden, sind die Terminmärkte viel besser geeignet als zum Beispiel Wall Street – und das gleich aus mehreren Gründen.

An diesen Börsen werden Terminkontrakte für Weizen, Sojabohnen, Schweinebäuche, aber auch für Aktien oder sogar für ganze Aktienindizes gehandelt.

Für den Käufer eines solchen Kontraktes ist die Sache klar. Steigen die Aktien an der Wall Street, so wird auch der Preis seines Kontraktes steigen, und er kann diesen mit Gewinn wieder verkaufen. Nur für eingefleischte Börsianer ist es aber wohl zwingende Logik, daß dieses Geschäft auch umgekehrt läuft. Es ist nämlich genauso möglich, einen Kontrakt zu verkaufen, auch wenn man ihn gar nicht besitzt. Der Verkäufer spekuliert dann auf sinkende Aktienkurse, die auch den Preis des Kontraktes drücken. Er kann dann den zuvor teuer verkauften Kontrakt billiger einkaufen und macht so seinen Gewinn.

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Aber das war nicht der einzige Vorzug des Terminmarktes für die beiden Männer. Anders als am Aktienmarkt müssen dort nicht fünfzig Prozent, sondern nur fünf bis zehn Prozent eigenes Geld eingesetzt werden, um mit Aktien zu spekulieren. Mit der gleichen Summe Geld kann man dort also ein viel größeres Rad drehen als an der Wall Street. Das erhöht zwar das Risiko, aber wenn die Spekulation aufgeht, ist dafür der Gewinn viel größer als beim normalen Aktiengeschäft.

Und noch ein gewichtiges Argument sprach für den Terminmarkt. Gelänge es, dort mit massiver Verkäufen von Terminkontrakten die Preise zu drücken, so bekämen sie nahezu automatisch finanzstarke Helfershelfer im Kreis ihrer Kollegen Der sogenannte Programmhandel der Investmentbanken und der großen institutionellen Anleger würde ungewollt zu einem mächtigen Verbündeten bei ihrem Plan werden. In den vergangener. Jahren richteten die Banken große Abteilungen ein, deren einzige Aufgabe es ist, aus Preisunterschieden zwischen den Termin- und den Aktienbörsen Gewinne zu ziehen. Für dieses sekundenschnelle Geschäft wurden komplizierte Computerprogramme geschrieben, die den Aktienhandel gleichzeitig an beiden Börsen ausführten. Sinker zum Beispiel die Preise für bestimmte Aktien oder für einen ganzen Aktienindex an den Terminmärkten, so werden die entsprechenden Terminkontrakte dort gekauft und die gleichen Aktien etwa an der Wall Street sofort wieder verkauft. Der Gewinn, der Unterschied zwischen den Preisen am Termin- und am Tagesmarkt, geht an die Bank.

"Fünfzig Millionen Dollar müßten reichen, um Chicago an einem Tag gehörig unter Druck zu bringen", meinte Rope, dann würden die Computerprogramme auch an der Wall Street für sinkende Kurse sorgen. Für ein paar Stunden müsse man an den Terminbörsen mit massiven Verkäufen dafür sorgen, daß die Abwärtsspirale zwischen Chicago und Wall Street nicht unterbrochen werde, sagte Rope, "gelingt uns das, verdienen wir uns eine goldene Nase".

Heimlich Aktien verkauft

Lock nickte. Es war ein teuflischer Plan, aber die Chancen standen gut. Hatte ihm Monty Clause auf der Dinnerparty nicht von seinem Ärger über die japanische und die deutsche Wirtschaftspolitik erzählt? Diese Länder täten nichts, um den Vereinigten Staaten beim Abbau des Handelsdefizits zu helfen, sagte der Finanzminister damals. Mit Sicherheit würde Clause dieses Thema noch in der Öffentlichkeit aufgreifen und damit auch die Börsianer unsicher machen. Wenn dann noch die Furcht vor steigenden Zinsen zunähme, dachte Lock, wäre die Börse reif für einen Frontalangriff. Ja, die Sache war gut durchdacht und der Zeitpunkt nahezu ideal.

Ein wenig mulmig war Lock schon zumute, aber er sagte sich, daß der Plan nur zum kleinsten Teil seinem eigenen Wohle diene, am meisten würden die beiden Banken davon profitieren.

Die beiden Männer gaben sich die Hand und verabredeten ein neues Treffen an gleicher Stelle in genau einer Woche. Bis dahin sollten die notwendigen Vorkehrungen getroffen sein. Sie packten ihre Golfschläger, und ohne auch nur mit einem Wort noch einmal darüber zu sprechen, spielten sie ihre Runde zu Ende.

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Eine Woche später war alles vorbereitet. Unbemerkt von der Öffentlichkeit hatten beide Banken den größten Teil ihrer Aktienbestände verkauft. Das Geld lag bereit, um an den Terminbörsen profitabel eingesetzt zu werden.

Lock erfuhr, daß Monty Clause in der kommenden Woche eine Breitseite gegen die Handelspartner der Vereinigten Staaten abschießen wollte. Die Deutschen und die Japaner sollten endlich ihre Zinsen senken und die Wirtschaft ankurbeln, würde der Finanzminister fordern. Der Tag X, so meinten die beiden Männer, war nahe.

Tatsächlich bekamen die Drohungen des Finanzministers eine knappe Woche später ein gewaltiges Echo in der Presse. Sie berichtete über ernste politische Verstimmungen zwischen den Industrienationen, von den Gefahren einer weltweiten Rezession, eines Rückfalls in den Protektionismus und steigender Zinsen in den Vereinigten Staaten. Der Zeitpunkt zum Handeln war gekommen.

Kurse im freien Fall

Am Morgen des 19. Oktober standen einige Chicagoer Börsenhändler fassungslos vor ihren Schreibtischen. In den frühen Morgenstunden – der Börsenhandel hatte noch gar nicht begonnen – waren bei ihnen gewaltige Mengen von Verkaufsaufträgen für ganz bestimmte Terminkontrakte eingegangen. Irgendwelche Leute setzten offenbar auf einen Schlag zig Millionen Dollar auf eine einzige Karte – sie spekulierten auf sinkende Kurse. Diese Aufträge, so ahnten die Händler, würden die Kontraktpreise an diesem Tag kräftig nach unten treiben.

Genauso geschah es. Innerhalb von Sekunden gingen in den Chicagoer Börsensälen die Preise für Aktien- und Aktienindexkontrakte in den Keller. Sofort setzte der Computerhandel zwischen den Terminbörsen und der Wall Street ein und brachte, genau wie Rope und Lock es vorausgesehen hatten, Wall Street in den Sog der Terminbörse. Auch dort gingen die Aktienkurse in den freien Fall über.

An den Börsen brach das Chaos aus. Von Panik ergriffen warfen große und kleine Anleger ihre Papiere auf den Markt. Die Banken plünderten regelrecht die Depots ihrer Kunden, die wie erwartet kein zusätzliches Geld auf ihre Kreditkonten einzahlen konnten oder wollten. Und mittendrin sorgte der Programmhandel dafür, daß die wahnwitzige Abwärtsspirale zwischen den Termin- und den Aktienmärkten nicht unterbrochen wurde.

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Am Abend dieses rabenschwarzen Montags standen Millionen Menschen vor einem Scherbenhaufen. Hunderttausende verloren an einem einzigen Tag die Hälfte ihres gesamten Vermögens oder sogar noch mehr. Insgesamt, so stand es am nächsten Tag in den Zeitungen, waren die amerikanischen Aktionäre innerhalb von Stunden um die unvorstellbare Summe von 520 Milliarden Dollar ärmer geworden. Panik, Verzweiflung und Hoffnungslosigkeit regierten in den Bürotürmen von Manhattan.

Nicht so in den Chefetagen von Flipper-Rainbow, Inc. und Nots, Ink & Matters. Gewiß, die Dramatik dieses Tages war auch an Rope und Lock nicht spurlos vorübergegangen, aber ihre Erregung hatte einen anderen Grund als die der gebeutelten Aktionäre, Broker und Bankmanager. Ihre Rechnung war aufgegangen. Noch wußte Rope es nicht genau, aber weniger als zweihundert Millionen Dollar Gewinn dürfte Nots, Ink & Matters an diesem Tag wohl nicht gemacht haben, schätzte er.

Rope griff zum Telephon: "Alles in Ordnung?" fragte er seinen Gesprächspartner. "Alles in Ordnung", erhielt er zur Antwort, dann legte er auf.

Am Dienstag, dem 20. Oktober, so las man einige Tage später im Wall Street Journal, habe ein unbekannter Investor den Kursrutsch an den amerikanischen Börsen mit einem genialen Coup beendet. An der Chicagoer Börse sei völlig unerwartet ein millionenschwerer Kaufauftrag für einen bestimmten Aktienindex eingegangen. Die fünf Millionen Dollar hätten gereicht, um den Markt zu stabilisieren und die irrsinnige Abwärtsspirale zwischen den Terminbörsen und der Wall Street zu unterbrechen.