Schon ein halbes Jahr nach Hitlers Machtergreifung hatten die Verleger Emanuel Querido aus Amsterdam und Fritz Landshoff aus Berlin einen Verlag für deutsche Schriftsteller im Exil gegründet. Seine bleibende Kennmarke ist die Monatsschrift Die Sammlung geworden, die, von Klaus Mann als Redakteur gestaltet, unter dem Patronat von André Gide, Aldous Huxley und Heinrich Mann erschien. Die scheinbar vergängliche journalistische Ware der Jahre 1934 und 1935 ist jetzt in einem gediegenen Nachdruck wie für die Ewigkeit gesammelt worden, ergänzt um Reinhardt Gutsches Bibliographie.

In der Gründungsphase der Sammlung löste das alte deutsche Intellektuellenproblem Geist und Macht, Literatur und Politik Irritationen aus. Döblin und andere zeigten sich indigniert darüber, daß die Zeitschrift auch einen politischen Akzent tragen sollte. Entstanden ist dann eine überwiegend literarische Zeitschrift, mit großen geschichtlich-politischen Analysen zwar, aber das Tagespoltische nannte man „Glossen“ und druckte es kleiner.

Hier sprechen nicht Akteure, sondern in jedem Sinn Betroffene. Es ist eine selbstbewußte Elite, keine Leidensgemeinschaft, kein Chor von Klagenden. Staunenswert die intellektuelle Noblesse der Autoren gegenüber den im Reich Gebliebenen – sofern diese zu schreiben verstanden; Sprache ist für die Autoren der Sammlung Gestalt gewordene Moral. Sie mochten Ernst Jünger wahrlich nicht, aber er blieb doch für sie im Status eines Problems. Klaus Mann schrieb über Gottfried Benns „Infamie“, wie sollte er 1933 anders, aber Stefan Georges Schweigen deutete er als vernichtend für das Dritte Reich.

Die Sammlung repräsentiert keine geschlossene Oppositionellengruppe. Die Fülle ihrer Widersprüche macht die Zeitschrift eher zu einer Art Büchse der Pandora, die Gutes und Böses gleichermaßen bietet. Da schreibt auch Wassermann über biologische Charakterbildung durch die Landschaft, da nennt man den Gegensatz zwischen Sozialdemokraten und Kommunisten einen bloßen „Familienstreit“, der in solchen Zeiten tunlichst nicht nach außen dringen sollte. Von Thomas Mann keine Zeile in der Sammlung, aber er ist allen und in allem beständig gegenwärtig. Er zögerte drei Jahre, bis er sich dann durch seine wachsende Entschiedenheit die Rückkehr selber unmöglich gemacht hatte – da war aber die Zeit des Sammelns nicht mehr.

Das politisch-literarische Gemenge der deutschen Emigration war viel breiter – die Sammlung zeigt es – als das der heutigen Bundesrepublik. Der hintersinnige Schlüsselbegriff für deren Frühphase, der Wiederaufbau, verdeckt davon ebensoviel, wie er kennzeichnet. Hans Joachim Kreutzer

  • „Die Sammlung“

Nachdruck der literarischen Monatsschrift, mit einem Vorwort von Friedrich H. Landshoff; Verlag Rogner und Bernhard bei Zweitausendeins, München 1986; zwei Bände 676 und 735 S., zus. 50,– DM