Gefälschte Papiere bringen eingewanderte Polen in Verruf

Von Helga Hirsch

Hamburg, im April

Mit hochrotem Kopf und feuchten Handflächen sitzt er dem Beamten gegenüber – unsicher wie ein Schüler, der in fremdsprachiger Umgebung nicht weiß, ob er die Anforderungen erfüllt. Seit drei Tagen ist Kazimierz M. unterwegs, um seine Anerkennung als Aussiedler zu beantragen. In Friedland hat man ihn wegen Uberfüllung abgewiesen; jetzt will er beim Ausgleichsamt Hamburg sein Glück versuchen. Sein Anspruch erscheint hieb- und stichfest: Die Mutter ist Deutsche – als Beweis legt er die beglaubigte Übersetzung ihrer Geburtsurkunde vor. Doch der Beamte ist wider Erwarten nicht überzeugt: „Das Original haben Sie nicht dabei?“ – „Nein“, gesteht Kazimierz M. und zieht den Kopf noch tiefer zwischen die Schultern; in Polen hätte man ihm gesagt, die Deutschen wollten deutsche Übersetzungen.

Dann sei er eben falsch informiert worden, klärt ihn der Beamte auf. Hier gebe man sich weder mit Kopien noch mit beglaubigten Übersetzungen zufrieden. „Die Unterlagen sind noch nicht ausreichend.“ Damit ist der Fall für ihn erledigt. Denn seit bekannt wurde, daß „Opa“ Oborski, einer von drei aufgeflogenen Fälschern in Nordrhein-Westfalen, vornehmlich Kunden in der Hansestadt belieferte, läuft im Ausgleichsamt Hamburg ohne Originale fast nichts mehr. Von gefälschten Papieren hatten die Beamten zwar schon seit zwei Jahren gehört, doch sie galten immer als Ausnahmen.

Nun ist allerdings zu befürchten, daß zehn Prozent der in Hamburg bewilligten Vertriebenenausweise – das wären immerhin rund tausend Fälle – mit falschen Dokumenten erschlichen worden sind. Allein Oborski fuhr mindestens zweihundertmal zur Kundenbetreuung in die Hansestadt. Zehn Jahre lang war sein Verfahren absolut sicher. In alten reichsdeutschen Dokumenten, die Sammler in Polen leicht auf Flohmärkten oder per Inserat erstehen können, ätzte er die ursprünglichen Namen aus und ersetzte sie durch die der Kunden. Anschließend wurden die Dokumente so oft kopiert, bis die Manipulationen nicht mehr erkennbar waren.

Andere Fälscher trugen in echte Blankoformulare, die sie in polnischen Amtsstuben mit den dazugehörigen Stempeln und Gebührenmarken „organisiert“ hatten, Stammbäume verstorbener Deutscher ein. Derart „echte“ Dokumente wurden nur per Zufall als Falsifikat erkannt: Bei einem Sachbearbeiter landeten Papiere mit dem Schriftzug desselben Kowalski, der gleichzeitig in Danzig, Posen und Breslau als Standesbeamter fungierte. Mit relativ geringem Risiko profitierten die Fälscher so von der Not ihrer Landsleute. Oborski zum Beispiel verlangte bei Auftragserteilung fünftausend Mark bar auf die Hand, weitere zehntausend Mark bei Lieferung. Ein Einsatz, der sich nach Meinung von Harro Strecker, dem Leiter des Hamburger Vertriebenenreferats, lohnt. Denn mit der Anerkennung als Aussiedler erwerben sich polnische Staatsbürger Ansprüche auf Arbeitslosenhilfe und Renten entsprechend der deutschen Bemessungsgrundlage; außerdem erhalten sie Einbürgerungshilfen und einen Sprachkurs.