Am Dom wächst noch immer der Rosenstock – ein Wiedersehen mit Hildesheim

Von Hans J. Geppert

Vier Linden“ gibt es noch. „Vier Linden“ steht häßlich wie eh und je am Ende der Alfelder Straße. In „Vier Linden“ tobte einmal das Leben, wie wir in den fünfziger Jahren bereits sagten. Heute ist „Vier Linden“ ein totes Haus, nur gelegentlich zu künstlichem Trubel erweckt bei einem Bauerntreffen oder bei einer Kleingärtnertagung.

Tanzstundenbälle haben wir dort gefeiert; eine Kapelle spielte, die Mädchen drehten sich in ihren Petticoats. Ihre Mütter wurden von uns mit einem höflichen „Darf ich bitten, gnädige Frau“ aufgefordert. Cola gab’s, für Mutige mit einem Schuß Rum. Und die ganz Verwegenen wagten sich mit den Damen schon mal für ein paar Minuten vor den Tanzpalast. Dort, am Stadtrand, breiteten sich Felder und Wiesen aus, und an der großen Baumallee zu den Innerste-Wiesen hinab standen Bänke.

Heute spielt keine Kapelle mehr in „Vier Linden“; sogar die Disco-Zeit ist dort vorüber. „Gnädige Frau“ sagt kaum noch jemand in Hildesheim. Und dort, wo die Felder lagen, ragen vor „Vier Linden“ häßliche Mietshäuser in den Himmel – von kalten Neonlaternen fahl erleuchtet. Die holprige Straße nach Drispenstedt ist längst zur vierspurigen Asphaltbahn ausgebaut worden, das Dorf eingemeindeter Stadtteil. Nahtlos ist der Übergang von Stadthaus zu Dorfgehöft.

Hildesheim ist nicht mehr meine Stadt. Ich spaziere dort entlang, wo noch immer die Bäume hoch in den Himmel ragen, Wiesen rechts und links des Weges, im Frühjahr überflutet, wenn die Innerste über die Ufer tritt. Das tut sie in jedem Jahr, wenn oben im Harz der Schnee schmilzt.

Nichts hat sich verändert. Die Badeanstalt nach einigen hundert Metern macht noch immer einen etwas verwahrlosten Eindruck, und im Ehrlicher Park gurren die Tauben wie vor 30 Jahren. Geharkte Wege, gestutzter Rasen, ein paar spielende Kinder, ein Rentner – alles ist wie früher. Es riecht sogar wie damals.