Von Ulrich Kluge

Der Erste Weltkrieg mit seinem blutigen Ende 1918 hinterließ in Deutschland eine innerlich gespaltene Gesellschaft; nicht die Frage Monarchie oder Republik trennte die Menschen, sondern die unterschiedlichen Chancen zur unmittelbaren und mittelfristigen Lebensgestaltung. Der Krieg hatte ein soziales Trümmerfeld hinterlassen, die traditionellen Klassenunterschiede hatten jedoch den Zusammenbruch des Kaiserreichs überlebt. Im November 1918 schieden sich die Geister primär an der sozialen Ungleichheit: Sie war die Quelle, aus der kollektive Statusängste im Bürgertum und der spontane Drang in der Arbeiterschaft nach aktiver Teilhabe an politischen Entscheidungen kam.

Trotz dieser Polarisierung mündete der Weltkrieg nicht nahtlos in einen deutschen Bürgerkrieg, denn über die Partei- und Klassengrenzen hinweg waren sich weite Teile der Gesellschaft in entscheidenden Punkten einig: über das Ende des Krieges und der Monarchie, über die schnelle Demobilisierung und den unmittelbaren Übergang von der Kriegs- zur Friedenswirtschaft, über alsbaldige Wahlen und den Aufbau einer parlamentarischen Demokratie. Der demokratische Gründungskonsens von 1918 besaß eine breite Basis: Sie reichte von der rechten USPD, der „Unabhängigen Sozialdemokratischen Partei Deutschlands“, und der MSPD, der „Mehrheitsozialdemokraten“ (in die die SPD damals gespalten war), über weite Teile des politischen Katholizismus bis hin zu den Linksliberalen unter Einschluß überwiegender Teile der spontan entstandenen Arbeiter- und Soldatenräte. Keine Chancen hingegen schienen 1918 die militanten Extremisten von rechts und links zu haben.

Warum trotz dieses breiten Fundaments der demokratischen Reformkräfte die Frühzeit der Republik von Gewalttaten überschattet wurde und wer dafür die Hauptverantwortung trug, das steht im Mittelpunkt einer in vielerlei Hinsicht bemerkenswerten Arbeit des Freiburger Historikers

• Wolfram Wette:

Gustav Noske Eine politische Biographie herausgeg. vom Militärgeschichtlichen Forschungsamt; Droste Verlag, Düsseldorf 1987; 876 S., 98,– DM.

Was macht Noskes politische Entwicklung für die historische Forschung so interessant und so kompliziert zugleich? Warum gibt er seit 1918/19 bis auf den heutigen Tag Anlaß zu Kontroversen, die immer weniger sachlich, dafür immer mehr emotionsbetont geführt werden?