Eine solche Antwort paßt perfekt zum Vorurteil über einen strammen Gewerkschafter – zumal über einen kommunistischen. Ist in Spanien der langanhaltende soziale Friede am Ende? Die Antwort kommt gequält und pointiert zugleich. Antonio Gutierrez, der vor vier Monaten mit nur 36 Jahren zum Chef des zweitgewichtigsten spanischen Gewerkschaftsbundes gewählt wurde, kann eine solche Frage offenbar nicht verstehen: „Sozialen Frieden hat es nie gegeben!“

Was ist vom Generalsekretär der Comisiones Obreras (CCOO) auch anderes zu erwarten? Doch dann zeigt der junge Gewerkschaftsführer plötzlich ein ganz anderes Gesicht, das zum militanten Klassenkämpfer auch wieder nicht paßt. Wer es eigentümlich findet, daß eine kommunistische Gewerkschaft ausgerechnet die wegen ihres neoliberalen Wirtschaftskurses kritisierte Regierung zum verstärkten Dialog ermuntert, der bekommt als Antwort schon wieder eine Belehrung. „Die Comisiones sind keine kommunistische Gewerkschaft.“

Das überrascht, denn gemeinhin gelten die CCOO als die der spanischen Kommunistischen Partei (KP) nahestehende Gewerkschaft. Außerdem gehört Gutierrez der Partei seit über zwanzig Jahren an. Doch mit diesem ideologischen Etikett will er überhaupt nicht leben. „Die Ziele der Comisiones hängen wie die jeder anderen Gewerkschaft von der Realität ab, in der wir uns bewegen.“ Damit wird gleich noch ein Vorurteil ausgeräumt: „Die Zeiten, in denen es in Spanien eine Gewerkschaft gab, die mitspielt, und eine, die nicht mitspielt, sind vorbei.“

Offensichtlich tritt mit Gutierrez ein für die CCOO neuer Führertyp auf den Plan, der sich auf seine Weise von den Vätern abheben will. Zum Beispiel von seinem Vorgänger, dem charismatischen Marcelino Camacho. Der wurde in Spanien zur Institution und selbst von denjenigen respektiert, die gemeinhin mit den Comisiones nichts im Sinn haben. Aber der allseits hochgeachtete „Don Marcelino“, der aus Altersgründen im vergangenen November seinem Zögling Gutierrez den Generalsekretärsposten vererbte, wurde von allen geschätzt, weil er als schlichter Prolet und Arbeiterführer sich für nichts zu schade war – und auch weil er für seine Sache immer wieder die Gefängnisse Francos auf sich genommen hatte. Es wird dauern, bis aus seinem Nachfolger „Don Antonio“ geworden ist.

Aber Gutierrez weiß selbst, daß es einen Nachfolger für Camacho nicht gibt. Also besinnt er sich auf seine Tugenden: Er empfiehlt sich der Gefolgschaft durch klare Gedanken und Sachverstand. Natürlich hat auch er eine vorzeigbare proletarische Vergangenheit: Mit zwölf begann der in der Gegend von Valencia geborene Antonio neben der Schule zu arbeiten, mit siebzehn schlug er sich auf dem Großmarkt von Madrid durch, die Faschisten verbannten den kurzzeitigen Physikstudenten in ein afrikanisches Straflager. Später arbeitete er bei dem französischen Reifenmulti Michelin. Doch Gutierrez wurde gefeuert – wegen seiner politischen Arbeit –, und er stieg dann in der zweiten Hälfte der siebziger Jahre in der Bürokratie der Gewerkschaft auf.

Der Aufsteiger mit der erfrischend klaren Sprache, bei der es sich lohnt, auf jedes Wort zu achten, wirkt wie ein kühler Analytiker. Er kann es mit Unternehmern ebenso mühelos aufnehmen wie mit den in der Regel glänzend ausgebildeten Funktionären, die den sozialistischen Regierungsapparat in Gang halten. Gutierrez kennt das Volumen des spanischen Außenhandelsdefizits ebenso präzise, wie er über die Wirkungen von Dollarfall und Ölpreis auf die spanische Konjunktur dozieren kann. Solche Kompetenz und Sachlichkeit wissen alle zu schätzen: Regierung wie Unternehmer. Wenn Felipe Gonzales zur Zeit mit der sozialistischen Gewerkschaft praktisch keinen Kontakt hat – mit Gutiérrez hat er sich kürzlich getroffen. Schwer vorstellbar ist dagegen, daß dieser zurückhaltend wirkende Mann als Demagoge die Massen aufpeitscht.

Der Gewerkschafter möchte sich mit den Unternehmern aber nicht nur um höhere Löhne streiten. „Es gibt noch andere Dinge außer dem Lohn, die den Wert der Arbeit bestimmen.“ Auch die Bedingungen der Arbeit müßten geändert werden. Liebend gern würde er mit anderen europäischen Gewerkschaften in einer gemeinsamen Initiative für die Verkürzung der Arbeitszeit kämpfen. Die deutsche IG Metall ist sein Vorbild. Sie hat in seinen Augen gezeigt, daß die kürzere Arbeitszeit Arbeitsplätze schafft.