In die Schlußszene auf dem Friedhof, wenn der todwunde Clavigo sich in den Sarg der toten Geliebten Marie wirft, klingt von fern der Singsang eines unbeteiligten Nachtschwärmers. Der krächzt die schon als Schlager komponierte „Romanze“ aus Donizettis komischer Oper vom „Liebestrank“: Una furtiva lagrima... („Aus ihrem schönen Augenpaar / rann eine Träne schwer“ – so schwerfällig deutsch, und falsch, müssen wir es in Wunschkonzerten hören; dabei läßt der Italiener doch eine verstohlene, eine heimliche, also flüchtige, schnell weggewischte Träne in süßen Tönen fließen.) Schnell, weggewischt: Signalwörter für diese Inszenierung.

Dann kracht ein Donnerschlag. Der wie über einer Bonbonniere sich bauschende, rote Vorhang über dem Totenacker grauer Findlinge, von denen einige menschliche Züge zu tragen scheinen, begräbt in rauschendem Faltenwurf dieses „Trauerspiel“, das ein fünfundzwanzigjähriger Advokat und Dichter im „Sturm-und-Drang“-Jahr 1774 geschrieben, das ein sechsundvierzigjähriger Schauspieler und Regisseur inszeniert hat. Alexander Lang beginnt, nach glänzenden Aufführungen in Ost-Berlin und an den Münchner Kammerspielen (Shakespeare, Racine, Lessing, Schiller, Kleist, Büchner), seine Arbeit als Oberspielleiter am Hamburger Thalia Theater mit Goethes „Clavigo“.

Läßt sich Langs fiebernd hektische Inszenierung von diesem opernhaften Ende her besser verstehen? Hat der Regisseur uns nicht in die schöne Scheinwelt einer komischen Oper entführt, wenn er trotz Sturm und Nachtgewitter unwirklich rote Sterne unbeirrbar über der Todes-Szenerie glühen läßt? Stellt Lang seine wie Puppen gekleideten Sprech-Automaten nicht oft, wie in schlechten, also den üblichen Opern-Inszenierungen, an die Rampe und läßt sie, Blick in die Ferne gerichtet, auch wenn das Wort sich an den Partner zur Seite richtet, ihre Tiraden wie Arien schmettern? Soviel ist klar: an Realismus oder Spiegelung der Wirklichkeit im Spiel ist nicht gedacht.

So geht Lebenswirklichkeit verloren, trotz des, um Einverständnis mit jungen Zuschauern buhlenden – prompt bejubelten – ersten Wortes, das wir in keiner der vielen Werkausgaben Goethes finden. „Whow!“ bellt der junge Journalist und schon Archivar des Königs am spanischen Hof, Clavigo: „Das Blatt wird eine gute Würkung thun.“ Mit beiden Armen stemmt er sich in den schmalen Durchgang zwischen Arbeitszimmer und Salon. Noch genießt er den Triumph über einen gelungenen Leitartikel für seine „Wochenschrift, jetzo eine der ersten in Europa“; schon spielt er sich selber die Erschöpfung über das Einerlei des Berufs vor.

Gleich wird der wenig ältere Schreibknecht Carlos ihn besuchen und die Einladung zu einem galanten Abend ausschlagen mit dem Seufzer: „Ich muß diesen ganzen Nachmittag wieder schreiben. Das endigt nicht.“ In einer Anwandlung von Reife – oder doch nur: Resignation? – ist es der jüngere, der dann den älteren Kollegen aufmuntert mit dem schalen, doch wie eine Droge wirkenden Trost: „Wenn wir nicht für so viele Leute arbeiteten, wären wir so viel Leuten nicht über den Kopf gewachsen.“

Carlos kommt, um zu sehen, was der Freund geschrieben hat. Beide versenken sich mit roten Ohren in das Manuskript?

Nicht bei Lang. Da beginnt eine schon zur Routine gewordene Tändelei um das Papier. Oder ist es doch ein versteckter Kampf? Diese Tempo-Brüder der Journaille wissen eh, was der Konkurrent-Freund aufs Papier wirft. Das Versteckspiel, das Grabschen gewinnt plötzlich anderen, bösen Sinn. Zwei Karrieremacher jonglieren mit ihren Artikeln wie mit Aktien, auf die gleich die Börsen-Jagd losgeht.