Vom Campanile schlägt die Turmuhr zwölf. Es ist Mittag in Cortina, höchste Zeit für den Aperitif. Fuchs und Zobel, Nerz und Luchs zotteln freundschaftlich untergehakt den Corso Italia entlang. Auf der Sonnenterrasse des „Hotels de la Poste“ an der Piazza Roma kuschelt sich Fell an Fell. Die Skischickeria rottet sich an traditionsreichem Platz zusammen: Schon Skifreak Ernest Hemingway logierte in den dreißiger Jahren in der zentral gelegenen Luxusherberge.

Das Städtchen Cortina in den Ampezzaner Dolomiten ist Italiens ältester Wintersportort. Nach einer steilen Karriere als Bergsteigerquartier um die Mitte des vorigen Jahrhunderts kam bereits 1894 das erste Paar Skier ins Dorf, nicht einmal zehn Jahre später organisierte der eben gegründete Skiclub ein erstes Rennen, und ebenfalls noch vor dem Ersten Weltkrieg hielten die Bobfahrer ihre ersten Konkurrenzen ab. Damals sprachen die meisten Bewohner von Cortina ausschließlich Ladinisch, damals gehörte ihr Tal noch zu Tirol, zum habsburgischen Österreich.

Aber erst nach dem – unfreiwilligen – Abschied der Ampezzaner von der Donaumonarchie nach dem Krieg avancierte Cortina in rasanter Geschwindigkeit vom armen Bergbauerndorf zum mondänen Wintersportzentrum. Zwischen 1920 und 1940 wuchs die Zahl der Hotels von 27 auf 52, die der Übernachtungen von 70 000 auf 600 000. Eisenbahn, Bobbahn, Seilbahnen und Schlittenaufzüge zuhauf machten Cortina zur „Aristokratin“ unter den italienischen Skistationen. Magisch zog sie die Crème der italienischen Intellektuellen, Künstler, Politiker und Blaublütigen an.

Daran hat sich bis heute nichts geändert. Im Sommer und im Winter strömt alles, was Rang und Namen hat im Land, hinauf in die Ampezzaner Berge. Der Fiat-Clan der Agnellis findet sich ein und die Verlegerfamilie Mondadori, die Schriftstellerin Natalia Ginzburg kommt ebenso zu Besuch wie der Modezar Missoni, wie Superstar Marcello Mastroianni oder der Nudelkönig Pietro Barilla.

Zur Hochsaison scheint es manchmal, als sei die italienische Prominenz vollzählig in Cortina versammelt – dann heben selbst die seriösesten Tageszeitungen genüßlich Cortina-Tratschkolumnen ins Blatt. Ausländische Grandezza taucht darin kaum auf. Zwar spricht es sich herum, wenn der König von Jordanien kommt oder der unermüdliche Jet-setter Gunter Sachs, aber am liebsten bleiben die illustren Italiener unter sich und – tunlichst auch inkognito.

Es sind lauter namenlose Reiche und Schöne, die in den Gassen und auf den Höhen ihre Pelze spazierentragen und selbst im Skioverall schwere Klunker von Hals und Ohren blitzen lassen. Die wirklich feine Gesellschaft hält sich dezent zurück. Sie betrachtet Cortina eher als einen künstlerisch-literarischen Salon mitten im Hochgebirge. Man trifft sich in Chalets und Villen, läßt sich inspirieren und inspiriert, man organisiert Gesprächszirkel oder Vernissagen, immer in Urlaubsstimmung, locker und entspannt.

Wintersportein – das gilt in Cortina bestenfalls als Sekundärtugend. Die Flaneure im Ort sind eindeutig in der Überzahl. An den Seilbahnen zur Tofana (3243 Meter), zum Monte Cristallo (3216 Meter) oder zur Faloria (2123 Meter) stehen kaum jemals Skiläuferschlangen, und nicht nur die schwindelerregend steilen Hänge zwischen den Felsen der Tofana sind wohltuend schwach befahren, sondern auch einfachere Pisten wie Tondi oder Pomedes. Wer sich in Cortina entschließt, die Bretter anzuschnallen, der beherrscht in der Regel das Skifahren auch exzellent: Manche canaloni, die gefürchteten Felsenrinnen, sind so steil und eng, daß man sie nur mit akrobatischen Sprüngen oder im Sturzflug passieren kann.