Von Uwe Wolf

Frankfurt

Joy Wolfs Arbeitsplatz ist die Bahnhofsgegend. In Lederstiefeln, Mini-Rock und mit grell geschminktem Gesicht durchstreift die unermüdliche Thailänderin Frankfurts berüchtigtes Amüsierviertel. Zwischen Münchener und Niddastraße gibt es inzwischen kaum ein Bordell, das die 31jährige nicht kennt. Ihre Masche ist immer die gleiche: Den Zuhältern und Puffmüttern erzählt sie, sie wolle eine Freundin besuchen. Innerhalb der Etablissements sucht sie nach Thailänderinnen und gibt sich bei ihnen als Berufskollegin aus, die mal eben auf einen Tratsch zwischen zwei Freiern vorbeischaut. Die Besuche wiederholen sich; etwa nach dem dritten Plausch hat Joy genug Vertrauen hergestellt, um den thailändischen Prostituierten den wahren Zweck ihrer Besuche mitzuteilen: Joy Wolf will über Aids aufklären. „Viele der Frauen wissen überhaupt nichts von Aids. Weil sie nicht lesen können, nützt ihnen das offizielle Informationsmaterial nichts. Die Zuhälter verdienen an unaufgeklärten Frauen mehr Geld. Sex ohne Gummi ist eben teurer“, sagt die getarnte Aids-Beraterin.

Joy Wolf ist Mitarbeiterin der Ökumenischen Asiengruppe, einer vor acht Jahren gegründeten Hilfsorganisation, die in der Karlsruher Straße, nur einen Steinwurf vom Hauptbahnhof entfernt, eine Beratungsstelle für asiatische Frauen betreibt. Als die Asiengruppe 1980 von einem Dutzend engagierter Frauen beider Konfessionen ins Leben gerufen wurde, bestand der Hauptzweck darin, von dubiosen Heiratsvermittlern nach Deutschland gelockten Asiatinnen bei ihren Problemen mit gewalttätigen Ehemännern und erpresserischen Partnerschaftsorganisationen zu helfen. Mittlerweile ist die Aids-Aufklärung und Sexualberatung von Prostituierten aus Thailand, Indonesien und den Philippinen zu einem ebenso wichtigen Bestandteil der Arbeit des Vereins geworden.

Ursprünglich beschränkte sich die Aufklärungsarbeit der Gruppe darauf, in die Thai-Sprache übersetzte Aids-Broschüren der Prostituierten-Selbsthilfegruppe HWG („Huren wehren sich gemeinsam“) in thailändischen Restaurants und anderen Treffpunkten auszuteilen. Der Erfolg der Aktion war freilich minimal: Niemand nahm die Heftchen mit. „Als wir den Gründen für die geringe Resonanz unserer Faltblattaktion auf den Grund gingen, stellten wir fest, daß die meisten Frauen weder Deutsch noch ihre Muttersprache lesen können. Mundpropaganda, wie sie Joy jetzt betreibt, ist also der einzige Weg, die thailändischen Prostituierten zu erreichen“, erklärt Lydia Lopata, die Geschäftsführerin des Asienkreises.

Außer der Aids-Aufklärung informiert Joy Wolf über Schwangerschaftsverhütung und die Möglichkeit, sich bei Problemen mit Zuhältern oder der Ausländerbehörde an die ökumenische Hilfsorganisation zu wenden. Viele Asiatinnen schotten sich nach schlechten Erfahrungen mit Einheimischen deutschen Frauen gegenüber total ab. Hinzu kommt das Sprachproblem: Viele Ehemänner oder Zuhälter hindern die Ausländerinnen bewußt am Erlernen der deutschen Sprache.

Erfahrungen, wie sie viele Asiatinnen in der Bundesrepublik gemacht haben, sind Joy Wolf nicht fremd. Sie selbst hat erlebt, was es heißt, von einem deutschen Partner abhängig zu sein. Ihren späteren Ehemann hatte Joy während dessen Urlaub in Bangkok kennengelernt. 1980 zog sie zu ihm in einen Vorort von Frankfurt. Schnell wurde ihr klar, daß seine Versprechungen von einem Leben im Überfluß mit der Realität nichts zu tun hatten. Kontakte mit anderen Frauen in der Nachbarschaft waren unmöglich – Joy hatte alle Hände voll zu tun, es ihrem Mann gutgehen zu lassen. Wie ein Pascha ließ er sich während des Fernsehens die Fußnägel schneiden, die Haare waschen oder den Rücken massieren. Während ihr Mann auf Geschäftsreise war, mußte Joy, im fünften Monat schwanger, die Wohnung tapezieren. „Nachdem ich festgestellt hatte, daß ein solches Verhalten in deutschen Familien nicht typisch ist und ich anfing, auch mal nein zu sagen, war meine Scheidung vorprogrammiert“, berichtet Joy Wolf. Im November 1986 fand sie mit den zwei kleinen Söhnen Zuflucht in einem Frankfurter Frauenhaus. Dort erfuhr sie von der Arbeit der Ökumenischen Asiengruppe, für die sie nun seit einem Jahr als Halbtagskraft auf Tour geht.