Die Reihe mehr oder minder kompetenter Pädagogen, die über Wert oder Unwert volkstümlicher Märchen nachgesonnen haben, ist lang, und nicht alle vermochten Wilhelm Grimm zu folgen, der schrieb: „Kindermärchen werden erzählt, damit in ihrem reinen und milden Lichte die ersten Gedanken und Kräfte des Herzens erwachen und wachsen.“

Im Märchen leuchtet nicht immer das reine und milde Licht. Doch eines ist sicher: die alten volkstümlichen Geschichten sind auch Ausdruck des leidenden Volkes. In ihnen manifestiert sich der Wunsch nach einem besseren Leben. Die Fesseln der Unterdrückung schärfen nicht den Sinn für Moral. Das unterscheidet zumeist die Verfasser phantasievoller Kunstmärchen von den alten Märchenerzählern. Das Charakteristische tradierter Geschichten ist manchmal zum stilistischen Hilfsmittel gesunken.

Franz Fühmanns Geschichte von der Humpelhexe Anna hingegen ist ein Märchen, weil er sich glaubhaft sensibel in die Tradition der alten Märchenerzähler eingespürt hat. Seine kleine Humpelhexe Anna lebt sieben Hasensprünge hinter dem Ende der Welt. Sie entdeckt trotz des Spottes der anderen Hexenkinder, daß ihr Humpelbein Teil von ihr ist, und daß, wenn man es nur will, Anderssein durchaus ein Vorteil sein kann. Als sie dann noch auf den Händen zu gehen erlernt, die Welt auf den Kopf zu stellen vermag und durch ihre Hexenkunst sich die Welt wirklich verkehrt, vollendet sich der märchenhafte Wunsch des Schwachen, die Herrschaft der Macht umzudrehen.

Doch eigentlich ist Fühmanns kleine Anna keine Hexe. Sie ist mehr Pippi Langstrumpf in der Hasenschule. Aber die Zeiten wandeln sich und damit auch Märchenhexen. Ein solcherart modernes Hexenmärchen verleitet dazu, sich unserer liebgewordenen Hexe zu erinnern, Erzählstoff bäuerlicher Spinnstuben und abendlicher Herdfeuer.

Noch im vorigen Jahrhundert waren die Helden jener Erzählungen durchaus Realität des Alltags: der heimatlose Soldat, die ausgesetzten Kinder, die ruinösen Ansprüche der Ehefrau gehörten zum dörflichen Nachbarschaftsklatsch. Auch die schädigende Zauberfrau, von Theologen als Teufelsdienerin geschmäht, gehörte zum Alltag der bäuerlichen und städtischen Gemeinschaft. Sie ist als Hexe im Märchen Symbolfigur für Neid, Mißgunst und Hader. Dabei fällt auf, daß die alten Märchenerzähler keine ausgesprochenen Hexenmärchen erdachten. Niemals ist die Hexe Hauptperson, stets nur Nebenfigur. Sie erscheint als widriges Schicksal auf dem Weg der Märchenhelden zum Glück. Stets war sie Symbolfigur für das Böse; Archetypus unseres Unbewußten nennt es C. G. Jung.

Fühmanns Hexlein entspricht nicht diesem Bild. Anna Humpelbein ist ja auch das Kind der Rapunzel, deren wundertätige Träne ihren hexengeschädigten Geliebten heilten, womit sie weiß-magische Künste praktizierte. Für die frauenemanzipatorischen neuen Hexen unserer Tage ist sie somit freilich die richtige Hexe, denn altes Wissen weiser Frauen sei erst durch Männer zum bösen Hexentum umgedeutet worden. Steht nicht Rapunzel im Turm für die germanische Matrone Veleda, der weisen Frau am Rhein?

So ist Anna Humpelbein gewissermaßen zu einer Klammer von der Märchenhexe zur ideologischen Hexe unserer Zeit geworden. Diese aufklärerische Umdeutung der Hexe im Sinne des neuen Öko-Animismus ist für Kinder womöglich doch ein wenig zu allegorisch. Und dennoch: das Märchen von Anna Humpelbein ist ein schönes Märchen, in dem die Traumwelt des Erzählers mit der Realität unserer Zeit liebevoll verwoben ist.