Peter Stephan Jungk: „Franz Werfel

Als „Schriftstellereibesitzer“ hat sich Franz Werfel (1890-1945) nach dem Zeugnis Golo Manns einmal selbst charakterisiert. Und er hat mit diesem Besitz gewuchert. Kaum eine Nachfrage nach gehobener Dichtung, die er nicht schnell bedienen konnte. Den Bohemiens lieferte er Bohemienliteratur, den Katholiken katholische, den Humanisten humanistische, den Linken linke, den Konservativen konservative, den Humoristen humoristische, den Nachdenklichen nachdenkliche und den Anspruchsvollen anspruchsvolle. Erstaunlich aber ist weniger diese Breite als vielmehr die vollendete Aufrichtigkeit, mit der Werfel jeweils ein anderer war. In dieser Fähigkeit gründet sein immenser Erfolg. Diese Fähigkeit ist aber auch eins mit seiner Schwäche. Karl Kraus, der expressionistische Gedichte des eben Zwanzigjährigen in seiner Fackel wiedergab, hat ihn um dieser Beliebigkeit und um der stilistischen Laxheit, die der Großproduktion eigen sind, bald mit biblischem Zorn gerichtet. Sein Biograph enthält sich hingegen vorschneller Wertungen und auch Deutungen. Er rekonstruiert vielmehr sorgfältig, umsichtig und unbeirrbar positivistisch die verwirrende Fülle dieser Lebensgeschichte. Einer Lebensgeschichte, die sich mit so erstaunlich vielen anderen kreuzte; mit der von Kafka und Thomas Mann, von Karl Kraus und Schuschnigg, von Joyce und Hofmannsthal, von Martin Buber und Alban Berg. Um von vielen anderen und von Alma Mahler-Werfel zu schweigen. Die Beschäftigung mit Leben und Werk Franz Werfels ist durch dieses Buch (mitsamt seinen akribischen Quellenangaben und Registern) erst auf verläßliche Grundlagen gestellt (Fischer Verlag, Frankfurt 1987; 453 S., Abb., 48-DM). Peter Stephan Jungk (er veröffentlichte den Roman „Rundgang“) hat die vielen Schauplätze und noch lebenden Zeugen dieser Biographie aufgesucht. In kursiv gesetzten Passagen befreit er sich von der Chronistenpflicht zur Sachlichkeit und erzählt deutend wie wertend von seinen Begegnungen mit den Spuren eines Lebens, das in Geschichten verstrickt war – und in Geschichte.

Jochen Hörisch

André Heller: „Schattentaucher“

Poesie ist, einem zählebigen Vorurteil zufolge, wenn es etwas gestelzt klingt und die Metaphern üppig wuchern. Auch André Heller, der Hans Dampf in allen (Klein-)Künsten, zuletzt ein wenig mondsüchtig („Luna Luna“), scheint sich dieser Vorstellung verschrieben zu haben. „Schattentaucher“, seine erste längere Prosaarbeit (61 Beschreibungen aus dem Leben des Ferdinand Alt; S. Fischer Verlag, Frankfurt 1987; 222 S., 29,80 DM), geizt jedenfalls nicht mit prallen Bildern und gewagten Vergleichen, die durch so eindringliche Wendungen wie „als wäre“, „erscheint wie“, „eine Art“ etc. besonders farbig geraten. Die Hauptfigur Ferdinand Alt, aus deren Leben in Momentaufnahmen erzählt wird, ist Klavierstimmer, „eigentlich Komponist“, lebt in Wien und hält sich bevorzugt zwar nicht beim Heurigen, doch immerhin im Kaffeehaus auf. Natürlich sorgt die klischeeumwitterte Donaumetropole für das bekannt morbide Ambiente, in dem der berüchtigte Schmäh und die Skurrilitäten bestens gedeihen. Obwohl das Buch manch gelungene Einzelbeobachtung enthält und ab und an sogar sarkastischen Witz spüren läßt, bleibt das melancholische Tauchen in eine versunkene Welt eine bloß gefällige Pose. Nicht zum ersten Mal ist das Endprodukt einer hübschen Idee des Allroundkünstlers Heller nur Kunstgewerbe.

Peter Körte