Von Susanne Kippenberger

Es ist schööön! Ich fühle mich guuut!“ Die Durchhalteparolen, mit denen Oberstleutnant a. D. Gert von Kunhardt seine Truppe anfeuert, ertrinken im Geräusch der Schuhe auf dem matschigen Waldboden. So langsam wie möglich watschelt die Truppe – „Ferse zuerst!“ – im Gänsemarsch hinter ihrem Anführer her. Seine im Stakkato vorgetragenen Reden allerdings erreichen die Ohren nur zum Teil. Zu sehr sind die neun „Damen“, wie sie hier immer genannt werden, mit ihrem Körper beschäftigt, das heißt: damit beschäftigt, trippelnde Chinesinnenschrittchen zu machen, weisungsgemäß mit den Schultern zu zucken und die Arme wie die Affen schlottern zu lassen.

Plötzlich – „jetzt!!“ – wird das Geplauder der joggelnden Damen schrill unterbrochen. „Da! Der Berg!“ Bevor die Truppe die eher hügelige Hürde stürmen kann, wird sie schon wieder von Kunhardt zurückgepfiffen. „Nicht gleich loslaufen! Das ist ein psychologisches Problem!“ Immer weiter auf der Stelle trabend, muß die Truppe einen Marschplan entwerfen: Was man nicht in den Beinen hat, muß man im Kopf haben. „Gesund mit Gefüüühl und mit Verstand“, heißt schließlich die Parole bei AREAS, dem Aktivierungs- und Reaktivierungs-, Vital-Trainings- und Anti-Streß- (ich hoffe, ich habe nichts vergessen) Seminar. Zwei Tage lang Sport („mit Spaß“), Spiel (neckisch) und Entspannung im „Gesundbrunnen“ Waldbrunnen, wie sich das Hotel im Siebengebirge preist.

Beschwingt begrüßen die drei Lehrer – der Arzt Klaus Tetzel, der Organisator Gert von Kunhardt und der Trainer Carl Hermanson – ihre neun Schülerinnen. Ich werde gleich zur idealen Teilnehmerin gekürt, weil ich erstens faul bin und zweitens keinen Sport treibe. Schon beim Kofferpacken war mein „submorbider“ Körper – so genannt vom Mediziner Tetzel, weil gänzlich untrainiert – in Schweiß ausgebrochen. Die Checkliste für das Anti-Streß-Seminar (mitzubringen sind: Trainingsanzug, Badezeug, Unterzeug mehrfach, festes Schuhwerk, Sportschuhe) und die Warnung an „starke Raucher“, doch bitte erst den Hausarzt zu konsultieren – all das klang nach sehr viel Streß. Und der vollgepackte Stundenplan, den man uns zur Begrüßung in die Hand drückt, verstärkt den Verdacht: Von morgens halb acht („Ergometertest“) bis abends um acht („Tagesanalyse, Video-Feedback“) ist jede Minute verplant mit „Muskelbewußtseinstraining“, „Sportphysiologie“ und „Zimmer räumen“.

„In Bewegung setzen“ will uns das Pädagogentrio, „leistungsfähige und fröhliche Menschen“ aus uns machen. Mit „Joggein“ zum Beispiel, dem Gegenteil vom Joggen. Das verbissene, rot angelaufene Gesicht des keuchenden Joggers, so vernehmen die Damen mit Genugtuung, sei doch der Beweis: Was krank aussieht, kann nicht gesund sein. Der Joggler dagegen läuft „wie ein Osterhase“ (findet eine der Damen), locker, natürlich und natürlich fröhlich. Den Joggler, erklärt Kunhardt in zackigem Ton, „erkennt man im Sommer an den toten Fliegen zwischen den Zähnen – weil er immer alle Leute fröhlich anlächelt“. Eigentlich müßte den Jogglerinnen das Lachen längst vergangen sein, denkt man an den Preis für so viel Fröhlichkeit: 1000 Mark Kursusgebühren für zwei Tage, Unterkunft und Verpflegung extra. Schon allein deswegen hatte ich damit gerechnet, in diesem allerersten AREAS-Kursus nur für Frauen lautet gut verdienende, gestreßte Managerinnen anzutreffen. Gekommen sind Hausfrauen wie die hibbelige Heidi aus Bayern, die von sich sagt, daß sie sich den Streß selber mache.

Erschienen sind Frauen zwischen 30 und 51, die Pharmareferentin, die Damen aus der Modebranche und Ulrike mit der Dreifachbelastung als Sprachlehrerin, Übersetzerin und Versicherungsagentin. Ihr Rezept gegen Streß: aussteigen. Zusammen mit ihrem Mann will sie (lebens-, alters- und krankenversichert) nach Neuseeland segeln. Die golfspielende Juristin im Großkonzern dagegen gesteht: „Ich liebe Streß!“ Wenn sie sich zwischendurch entspannen will, läuft sie kurz vom Büro ins Kaufhaus, kauft einen Schrubber – und fühlt sich erfrischt.

„S-s-spitze! Das ist kreativ!“ würde der Schwede Carl Hermanson sagen, zuständig für unser Körper- und Bewußtseinstraining. „Du bist S-s-spitze, kreativ!“ lobt er Kunhardt, als dieser zum Diavortrag die Vorhänge zuzieht, und auch wir werden gelobt, wir können machen, was wir wollen. „Motivationstraining“ nennt Kunhardt das und „Erlernen positiver Verhaltensstrategien“.