Bonn: „Hubert Kiecol“

Verliehen wir Preise für schönste Ausstellungsinszenierungen, noch dazu for solche, die den präsentierten Objekten dienen, ja sie steigern, dann könnten Katharina Schmidt und Klaus Schrenk im Städtischen Kunstmuseum Bonn bereits eine Trophäensammlung feiner Urkunden für sich zeigen. Gegenwärtig stellen sie 12 Skulpturen und 16 Zeichnungen von Hubert Kiecol aus – eine vergleichsweise kleine Schau von großer Schönheit, für die man gern in der Bundeshauptstadt eine Dreiviertelstunde einen Park(haus)platz sucht. Seit Anfang der achtziger Jahre zeigt Kiecol, 1950 in Norddeutschland geboren, gegossene Betonplastiken, Objekte von stummer Präsenz, die grau und spröde Architekturformen suggerieren. Umriß und Masse und verschlossene Oberflächen: Postmoderne, aber zum Schweigen verurteilt. Kontemplation eher denn Einladung zum hochstilisierten Baukastenspiel, wie es junger Skulptur heute ja auch nicht fremd ist. Die kleinformatigen Hausgebilde hocken auf dem Boden, als könnten sie im nächsten Moment ins Gigantische wachsen; ihrer drohenden Monumentalität setzt der Künstler nun schlank gewachsene Stelen entgegen. Ebenfalls in Beton gegossen, zwischen 1,86 m und 2,12 m hoch, bilc’en sie im schmalen Bonner Museumssaal eine imponierende Formation: alle kantig, oben abgetreppt oder mit minimalen Zinnen versehen.-Daß man an Turm, Burg, Treppe denken mag, liegt nicht daran, daß Kiecol mit literarischen Illusionen arbeitete. Er liefert keine Geschichten in Beton, sondern dreidimensionale Embleme, Zeichen für Verschlossenheit, die der Betrachter auf einen Blick erfaßt, und die ihn auf den zweiten auch noch fesseln. (Jedenfalls in Bonn; in unruhigerer Umgebung ist das schon schwerer.) Die Kreidezeichnungen variieren das Hausthema in strenger Schwärze. Kantig in ihren Umrissen und tatsächlich bodenlos schwarz zugezeichnet, stehen einfachste Formen auf weißem Papier. Daß ihr noch verbleibendes Umfeld flüchtige Spuren der Kreide trägt (so wie die Betonsäulen Zeichen des Gußprozesses), dazu leichthin gewischte Zeichen menschlicher Berührung, steigert die dunkle Unangreifbarkeit der architektonischen Formel – und es gibt ihr eine intensive, wohl nicht ganz zufällig eingeführte Ästhetik.

(Kunstmuseum bis zum 24. April, Katalog 30 Mark)

Ursula Bode

Frankfurt: „Erik Bulatov“

„Wir ertrinken in unserer Gegenwart!“ Wie rettet sich der 1933 geborene, in Moskau lebende Maler Erik Bulatov, der seine Bilder jetzt zum ersten Mal in seinem Leben in einer Einzelausstellung im Westen zeigen kann, vor seiner eigenen Feststellung? Wie sieht die von ihm beschworene Wahrheitssuche aus? Erik Bulatovs Bilder prägen seit den sechziger Jahren photorealistische Züge – ohne daß er, so heißt es im Katalog – je Belege für diesen westlichen Stil gesehen hat. Bulatov, in der Sowjetunion nicht als offizieller Maler anerkannt und auf das Illustrieren von botanischen Lehrbüchern angewiesen, hebt auf seinen großformatigen Bildern Alltagserfahrungen, wie sie Postkarten und Illustrationen vermitteln, durch Überlagerung von Schrift, Licht und räumliche Manipulationen auf eine andere, eine höhere Ebene – auf die der Wahrheitssuche. Bulatov erfindet keine neue Welten, sondern versucht in langwierigen, sich oft über Jahre hinziehenden Arbeitsphasen die Welt so zu malen, wie sie vor seinen eigenen Augen aussieht. Die in Schnee gehüllte Gedenkstätte hinter dem von Schnee bekrönten Lenin-Denkmal verblaßt vor der wie für ein Photo posierenden real existierenden „Natascha“. Der Blick ist den fünf, in Stadtkleidung auf das Meer zugehenden Passanten durch einen rot-goldenen Querstreifen, der das Wasser vom Horizont trennt, blockiert. Die „Menschen in der Landschaft“, denen das 1972/73 entstandene Bild „Gefährlich“ vorangegangen ist, zeigt das gleiche Paar auf der gleichen Wiese. Diesmal ist der Picknickplatz in einen Illusionskasten verlegt, der über dem Bachbeit schwebt.

Erik Bulatov kommentiert den politischen Alltag. Er hat ein Bild zum „Ruhm der KPdSU“ gemalt, rote Buchstaben verdecken einen wolkenreichen Himmel, er hat Breschnew porträtiert und die Parteiversammlung bei der einstimmigen Abstimmung gezeigt. Wolken und Bäume helfen den Maler bei der Aufsicht auf seine Wirklichkeit, die nicht in einem sozialistischen Realismus Erlösung findet sondern der Utopie vertraut. „Eigentlich“, sagt Erik Bulatov“, „ist das Bild die einzige Realität, an die ich glaube.“ (Portikus Frankfurt, bis zum 24. April. Kunstverein Bonn vom 2. Mai bis 4. Juni)