Die Argumente sind immer die gleichen. Unermüdlich macht Richard Spiegel, Präsident des Deutschen Verkehrsgerichtstag, bei den jährlichen Zusammenkünften bundesdeutscher Fachleute über verkehrsrechtliche Fragen darauf aufmerksam, daß unsere Autofahrer zu schnell fahren und zuviel Alkohol trinken, daß sie ein neurotisches Verhältnis zur Geschwindigkeit haben und daß die Verkehrsmoral ohnehin nachläßt. Anlaß zur Sorge gibt es genug: die Bundesrepublik zählt seit langem zu den unfallträchtigsten Ländern. Im 34jährigen Bestehen der Unfallstatistik ereigneten sich noch nie so viele Unfälle wie in den letzten beiden Jahren – rund vier Millionen. Dabei starben 1986 fast 9 000 Menschen, im vergangenen Jahr waren es allerdings 1 000 weniger.

Statistiken haben die Eigenart, Argumente und Gegenargumente zu liefern, je nachdem, was man beweisen will. So sagt Generalbundes anwalt Kurt Rebmann, der Präsident der Akademie für Verkehrswissenschaft (die den Verkehrsgerichtstag veranstaltet), die Verkehrstoten von 1987 markieren den niedrigsten Stand seit Beginn der Statistik: Jede Stunde ein Toter.

Makaber muten solche Zahlenspiele an, auch wenn sie dem Lob der technischen Verbesserungen im Autoverkehr dienen sollen. Ein einziges Todesopfer ist schon zuviel. Und wer zählt diejenigen unter den hunderttausenden von Verletzten, die für den Rest ihres Lebens behindert, verkrüppelt oder gelähmt bleiben, vielleicht auch „nur“ traumatisiert durch ein grausames Geschehen, in das die wenigsten aus eigener Schuld verwickelt werden?

Seit Jahren versuchen Verkehrstechniker und Unfallforscher, den mit der Autoflut wachsenden Gefahren auf bundesdeutschen Straßen entgegenzuwirken. Da gab es 1984 die Anschnallpflicht, im Jahr darauf den schnell überholten Großversuch mit Tempo 100, außerdem die ebenso unmaßgebliche Einführung der Richtgeschwindigkeit von 130 km pro Stunde auf Autobahnen und 30 km pro Stunde in städtischen Wohngebieten. Ganze Viertel wurden mit Holperschwellen und Blumentöpfen verkehrsberuhigt, der Schilderwald rigoros ausgedünnt.

Parkrowdys, Schnellfahrer und Unfallflüchtigen will man mit härteren Strafen beikommen, die auch den Fahrzeughalter nicht ungeschoren lassen. Alle diese Maßnahmen schlagen sich „irgendwie“ nieder. Die Tempobeschränkung auf 100 km pro Stunde für Autobahnen etwa führte laut einer Untersuchung der Bundesanstalt für Straßenwesen zum Rückgang der Unfälle um 23 Prozent (macht 1250 Tote weniger), obwohl sich nicht einmal alle daran hielten. Benzinpreise und die Angst um den Wald taten zeitweise ein übriges, um allzu rasante Fahrer im Zaum zu halten.

Doch zeigt das Auf und Ab der Zahlen andererseits, daß alle Reglementierungen nur kurzfristig wirksam sind. Man kuriert an Symptomen herum, deren Ursachen in einem großen Unwägbarkeitsfaktor liegen: dem menschlichen Verhalten.

Was dem Sicherheitsdenken der Verkehrspolitiker entgleitet, spiegelt sich im Kalkül der Automobilindustrie. Bei allen Anstrengungen um die Verkehrssicherheit – Knautschzonen, Gurte, Antiblockiersysteme, Allradantrieb und Bremskraftverstärker – können zwar manchmal den Tod verhindern. Aber daß ein Turbofahrer mit Lichthupe und Stoßstangenkontakt auf der Überholspur alles traktiert, was ihm in den Weg kommt – dieses Risiko läßt sich durch optimale Straßenlage und verbesserte Fahrwerke nicht beseitigen.