Bürgermeister Ed Koch, seit 36 Jahren streitbarer Nichtraucher, hat sich durchgesetzt: Seit elf Monaten darf in seiner Stadt New York per Dekret nicht mehr geraucht werden. Wer sich in öffentlichen Gebäuden wider besseres Wissen eine Zigarette ansteckt, muß zwei Wochen in den Knast oder 250 Dollar zahlen.

New York ist keine Ausnahme: In über vierzig US-Staaten und mehr als achthundert Städten gelten ähnliche Bestimmungen. Wohl kaum eine Gesellschaft hat ihre Lebensgewohnheiten in puncto Rauchen so durchgreifend geändert wie die amerikanische. Vor zwei Jahren wurde es amtlich: Dr. C. Everett Koop, der oberste Mediziner der nationalen Gesundheitsbehörde, kam in einem vielfach angezweifelten Report über die gesundheitlichen Folgen des Passivrauchens zu dem Schluß, daß zwischen 500 und 5000 nichtrauchende Amerikaner alljährlich an Lungenkrebs sterben, weil sie unweigerlich den Qualm von Rauchern einatmen. Amerikas Nichtraucher liefen Sturm gegen die Tabakfreunde: In vielen Wohnungen dürfen Gäste nicht mehr rauchen, Entrüstung rufen Raucher auf der Straße hervor und in Verbotszonen wird ihnen die Zigarette schlichtweg aus dem Mund geschnippt. In Los Angeles kulminierte die Militanz amerikanischer Nichtraucher vor drei Jahren, als ein Nichtraucher einen 23jährigen, der seine Zigarette nicht ausmachen wollte; in einem Bus erstach.

Mehr als die Hälfte aller amerikanischen Unternehmen haben in den letzten Jahren ihren Angehörigen das Rauchen verboten – Zuwiderhandlungen können den Arbeitsplatz kosten. Beim Militär dürfen Rekruten seit zwei Jahren nicht mehr zum Glimmstengel greifen. Von Leinwand und Bildschirmen lacht eine nikotin freie Brave New World a la Dallas und Denver.

Noch in den sechziger Jahren rauchten in den USA 53 Prozent der Männer und 34 Prozent der Frauen. Risikofreude, Unabhängigkeit und Selbstbestimmung fanden damals in der Zigarette ihr Symbol. Doch inzwischen ist der amerikanische Traum, immer den Superlativ verkörpern zu wollen, mit neuen Leitbildern besetzt. Ewige Gesundheit und Fitneß bis ins Greisenalter sind heute die gesellschaftlichen Werte, die Amerika süchtig machen. Nirgends fasten und joggen so viele Menschen so fanatisch wie in den USA. Nirgends ist das Verlangen besessener, Body und Soul gesund zu trainieren. Nur in diesem Zusammenhang ist zu verstehen, daß Wissenschaftler mit Gesundheitsstatistiken, daß Unternehmer mit Verhaltenstraining und der Staat mit Eingriffen in die Persönlichkeitssphäre bei den Amerikanern offene Türen einrennen.

So kommt es, daß Ärzte sich öffentlich und unter Berufung auf den hippokratischen Eid weigern, rauchende Patienten zu kurieren; daß ein Gipshersteller aus Chikago mit regelmäßigen Lungentests bei seinen Angestellten kontrollieren darf, ob sie zu Hause dem Nikotin frönen.

Die amerikanische Antismoking-Werbung – ob die computersimulierte Aufnahme eines rauchenden Fötus oder der Fernsehspot des vom Tode gezeichneten Yul Brunner – präsentiert kaum zu überbietende Geschmacklosigkeiten.

Offensichtlich haben sehr viele Amerikaner und Amerikanerinnen den neuen Trend gelernt. Ihr Raucheranteil liegt heute mit 30 Prozent unter dem der zwölf Mitgliedsstaaten der EG (37 Prozent). Die Tabakkonzerne Philip Morris und Reynolds haben, um wirtschaftlichen Einbrüchen zu entgehen, bereits mit einer neuen Strategie auf den amerikanischen Gesundheitswahn reagiert: Sie verkaufen inzwischen auch Lebensmittel und Getränke.