Die Jury von ZEIT und Radio Bremen stellt Luchs 19 vor

Gleichgültig, in welche Sprache Geschichten eines jüdischen Autors übersetzt werden; ja, gleichgültig selbst, in welcher Originalsprache er schreibt: Sobald er aus der Backstubenwärme, der zupackenden Herzlichkeit des Jiddischen kommt, ist eigentlich nie einzusehen, warum diese Bücher – mag ihr gedanklicher Höhenflug noch so steil ansteigen – nicht auch eine kindliche Leserschaft anlocken. Denn dem Jiddischen wohnt ein Erzählduktus inne, der an schulterklopfender Mitteilsamkeit seinesgleichen sucht, und der durch keine andere Sprache zugedeckt werden kann: Die gemütvolle Anrede, das „Hör-dochmal-zu!“ dominieren sogar im Amerikanischen noch. Und um wieviel mehr nun in der deutschen Rückübersetzung (wenn man das Mittelhochdeutsche einmal als Hauptbestandteil des Jiddischen ansieht).

Das tritt in keinem anderen Zusammenhang so überwältigend zutage wie in Singers „Massel & Schlamassel“. Ein Buch, das in seiner Mischung aus Thora-Treue, theologischem Selbstverständnis, Phantasiereichtum und Erinnerungsvermögen getrost ein Glücksfall genannt zu werden verdient. Doppelt, nimmt man den so ganz und gar nicht anbiedernden, sachlich-warmherzigen Erzählton dazu, dem erfahrungsgemäß kein Kind sich auf Dauer zu widersetzen vermag. Zumal hier oft genug nur nachgereicht wird; nachgereicht zu längst schon Bekanntem: etwa, was die Bibel betrifft. Nachgereicht allerdings auch im informativ-poetischen Sinne, und ohne auch nur im geringsten den Zeigefinger erheben zu wollen. Singer geht mit einer an Chuzpe grenzenden Gelassenheit vor. Er erzählt nicht unbeteiligt, aber sozusagen zurückgelehnt; er hat Abstand vom Erzählten genommen, um es besser überblicken zu können. Und auch die Souveränität dem kindlichen Leser gegenüber wird aus dieser Quelle gespeist. Selten hat ein Autor ihn so ernstgenommen, so heiter behandelt, so mit Material beladen, so erzählend erleichtert, wie Singer das tut. Hier weiß einer noch so gut mit den Erzähl-Ritualen der Kindheit Bescheid, daß man meinen könnte, er hat sich zeit seines Lebens in nichts andrem bewegt.

Es sind Kürzestgeschichten, sechsunddreißig, alles in allem. Und ist mal eine etwas länger geraten, werden die mit Nummern versehenen Einzelteile auf die gleiche Länge gebracht. Hier soll achtgegeben werden. Gähnen würde den Autor verstimmen. Denn er hat vorgesorgt. Mit Spannung, Wissen, Anteilnahme. Und in fast jeder seiner Geschichten: mit offenen Schlüssen. Der kindliche Leser soll weiterdenken. Soll sie mit ins Bett nehmen können, die ausgelesene, die vorgelesene Geschichte. Manchmal allerdings, da ist das gar keine Geschichte; da grenzt das in seiner lapidaren Verknappung an einen Rapport, an einen Bericht. Immer durchblutet jedoch, immer an kindliche Ohren, an kindliche Augen, an kindliches Auffassungsvermögen gedacht. Ob es sich hierbei um eine biblische Nacherzählung, um Gespenstergeschichten oder um ein Kinderpaar handelt, das unter Lebensgefahr das zerstörte Warschauer Getto verläßt.

Ein Phänomen dieser Erzählungen: Die Glaubenswelt in ihnen bleibt überall heil. Ja, Singer rührt nirgendwo auch nur einen einzigen gültigen Buchstaben an: Die Thora, die Lehre ist extrem sakrosankt. Hier ist ein Chassid, ein Frommer am Werk. Möglich, daß er ein Skeptiker ist. Unmöglich, daß er die Welt in Frage stellt. Im Gegenteil, er schreibt über sie. Und er schreibt einfach, innig, kräftig, zärtlich, klar. Gott hat in diesem Autor einen werkgetreuen Interpreten gefunden.

Wolfdietrich Schnurre

Isaak B. Singer: