Muß das sein? Intellektuelle und Politiker, oder, wie man einst zu sagen pflegte, Geist und Macht: Ich gebe zu, daß dies ein Thema ist, bei dem auch dem Geduldigsten das Herz sinkt, eine urdeutsche Spezialität, unergiebig wie das Sauerkraut oder der Karneval zu Mainz. Das einzig Verlockende an dieser Kontroverse ist ihr allmähliches Vergreisen, die Aussicht, sie ins Perfekt zu setzen, und die Chance, ihr eine vorläufige, unmaßgebliche Nachschrift zu widmen.

Dort, wo man deutsch spricht, sind Politiker und Intellektuelle – wer wüßte das nicht – seit eh und je miteinander verfeindete Indianerstämme. Die Frage, warum sich das so und nicht anders verhält, ließe sich vielleicht erschöpfend beantworten; doch dazu müßte man noch mehr Intellektuelle ins Brot setzen, Planstellen und Lehrstühle schaffen, siebenstellige Summen bei der Forschungsgemeinschaft beantragen; und ich möchte bezweifeln, daß sich ein solcher Aufwand rechtfertigen ließe. Ein paar Andeutungen tun es auch. (Die obligaten Definitionen können wir uns sparen. Wir wissen, was gemeint ist, und wer es nicht weiß, der sollte wenigstens tun, als ob er es wüßte.)

Als allgemeinste Ursache ließe sich anführen, daß es eine deutsche Gesellschaft – im Sinn des selbstverständlichen Umgangs – vermutlich nie gegeben hat. Dieser sonderbare Umstand erklärt sich nicht allein aus gewissen Klassenverhältnissen, er drückt vor allem ein tiefes Bedürfnis nach gemütlicher Segregation aus. Steuerberater veranstalten hierzulande eigene Steuerberater-Bälle, auf denen Zahnärzte und Romanistik-Professoren nichts zu suchen haben; der normale Umgang von Kollegen aus der GEW beschränkt sich auf Kollegen aus der GEW; Anthroposophen laden Anthroposophen ein, und Alternativler fühlen sich am wohlsten, wenn sie unter Alternativlern sind.

Zu dieser kaum verrückbaren strukturellen Gegebenheit gesellen sich massivere Gründe, die bis in die Zeiten des Feudalismus zurückreichen, und der trat bei uns bekanntlich besonders borniert und schäbig auf. Die deutsche Intelligenz hat die politische Macht in aller Regel als Unterdrückung erfahren, und die politische Macht hat jede selbständige intellektuelle Regung als dreiste Einmischung betrachtet – ein Zustand, der am 10. Dezember 1835 per Bundestagsbeschluß besiegelt wurde.

Seitdem herrschte zwischen den beiden Clans, hie Politiker, dort Intellektuelle, der allseits bekannte gesamtdeutsche Bürgerkrieg en miniature, bei dem es im schlimmsten Fall um Kopf und Kragen, im selteneren Normalfall aber bloß um den Austausch von rituellen Beschimpfungen ging. (Waffengleichheit bestand nur im zweiten Fall.)

Unter hiesigen, also harmlosen Umständen führte das zu einer blühenden Rhetorik mit meist recht matten Resultaten. Ein Beispiel solcher Pflichtübung aus der letzten Zeit, dem die Erschöpfung bereits anzumerken ist: „Ich bin Literat, meine Damen und Herren, und ich habe Besseres zu tun, als fortwährend gegen eine verlogene und verkommene Bande anzuschreiben. Die sind so grob, so plump, so ordinär, daß die Texte Gefahr laufen, grob und plump und ordinär zu werden. Auch das nehme ich ihnen übel. Ich habe keine Lust, mich ständig schriftstellerisch mit durch und durch lebensunwerten (!) Subjekten auseinanderzusetzen. Dennoch zwingt mich ihre mistige Existenz dazu, etwas zu unternehmen. Schließlich wollen wir sie weg haben. Und so schreiben wir seit Jahren vergebens gegen eine Horde von hypertrophen Hausschweinen an, die uns allein durch ihre unerträgliche Existenz die Sujets versauen und den Stil verderben ... Ich habe den deutschen Kanzler als Bovist und Tölpel bezeichnet und Frau Thatcher als Puffkröte, die einem den Aufenthalt auf der Britischen Insel versaut. Nancy Reagan war eine Stinkmorchel. Es half alles nichts. Das war noch viel zu charmant. Ich habe geschrieben, daß ich keiner Figur aus der Politprominenz ein Zimmer vermieten würde, daß ich nicht einmal in derselben Straße wohnen könnte wie Dregger, Geißler oder eine dieser Ausgeburten. Ja, daß ich nicht einmal in Bonn leben könnte vor Ekel über die Nähe der vielen Menschen, die wir für den letzten Dreck halten. Großer Beifall.“ (Joseph von Westphalen, Warum ich kein Terrorist geworden bin. Zürich 1986.)

Umgekehrt genügt es vielleicht, ein paar landläufige Stichworte aus der Geschichte der Bundesrepublik zu wiederholen, wie Ratten, Pinscher und Schmeißfliegen, also Literaturgeschichte als Tierleben; oder an den SA-Mann Bertolt Brecht, eine Erfindung des weiland deutschen Außenministers; oder an den Nobelpreisträger als Freund und Helfer von Terroristen, ein Lied, das ein früherer Bundespräsident gern zu Gehör brachte.