Neuerdings können auch Anwender, die bei "Quellcode" bestenfalls eine undurchsichtige Mischung aus Hefeteig und Geheimdienst assoziieren und die "Fluchtsequenzen" für spannende Filmausschnitte halten, kurz: die gar nicht erst wissen wollen, was in einem Computer vor sich geht, wenn sie mit ihm arbeiten, mit Hilfe graphischer Benutzeroberflächen innerhalb kurzer Zeit lernen, wie man statt OPEN1,8,15, "N:GAGA,A1": CLOSE1 einfach "Diskette formatieren" anklickt oder ein elastisches Bildschirmfenster auf volles Format aufzieht, ohne dabei mit der Maus die Kaffeetasse am Schreibtisch umzufahren.

Die Maus. Tja. Programmierer und Computerfreaks betrachten den rollenden Schalter mit dem Kabelschwänzchen meist mit einer Geringschätzung, als handle es sich um den Ziehgriff einer Klospülung, der da aus der Rechnertastatur hängt. Für sie gehören Leute, die mit graphischen Benutzeroberflächen arbeiten, zu der Kategorie von Menschen, die auch auf Vollmilchkartons der Benutzerführung bedürfen ("Giebel hochziehen, Lasche umklappen und Ausgießer vorziehen").

Man muß nicht unbedingt etwas von Kühen verstehen, um Milch trinken zu können, argumentieren sinngemäß die einen. Tatsächlich investieren die Entwickler von Betriebssystemen und Anwenderprogrammen heute einen Gutteil ihrer Arbeit in die Umgänglichkeit der Software. Wie an der Rezeption eines guten Hotels soll auch im Empfangsbereich eines Computers angenehmer Service geboten werden. Die "Schnittstelle" zwischen Mensch und Maschine, wie es etwas martialisch heißt, soll einladend, nett und nützlich sein.

Alt-User (1 Menschenjahr etwa gleich 4 User-Jahren) und Freaks sehen das mit Unmut. Sie halten so was für reine Verschwendung von Speicherplatz und Rechenleistung. Mülleimerchen am Bildschirm, kleine Karteikästen, die man nur anzuklicken braucht, Menüs, die sich wie Jalousien aus der Kopfzeile ziehen lassen – all das bedeutet für sie Verweichlichung und Décadence.

Wie ein Höhlenforscher hat man sich damals, ’81, unerschrocken durch beklemmend enge 64-KByte-Speicher gequält; allein die graphischen Benutzeroberflächen fressen heute ein Vielfaches an Speichervolumen. Man hat an nicht entprellten Tastaturen gearbeitet, die noch großzügig waren und statt des einen gedrückten Zeichens gleich fünf oder zehn in einer Reihe auf den Bildschirm malten. Und die Betriebssysteme waren geheimnisvoll, sensibel ("User lost – end of communication") – jedenfalls etwas für mutige junge Männer.

Gewöhnlich landete man nach dem Einschalten in einem BASIC-Interpreter, der es einem immerhin ermöglichte, über POKE-Befehle unmittelbar im Prozessor herumzustochern und künstlerisch wertvolle Systemabstürze zu kreieren oder Programme zu schreiben, die man bereits nach zwei Tagen selbst nicht mehr verstehen konnte ("Spaghetti-Code"). Manchmal erschien am Bildschirm als dürre Einladung auch nur ein Buchstabe oder ein einsames Dollar-Zeichen und harrte der Eingaben, die da kommen sollten.

Zwei Seelen wohnen, ach, in meinem Benutzerverhalten: Wenn ich "anwende", finde ich die graphische Oberfläche manchmal praktisch. Will ich allerdings programmieren, so nervt sie augenblicklich. Dann will ich das Messerscharfe, das rasierklingenhaft Schnittige, das in dem Wort "Schnittstelle" klingt.