Der Energiebedarf in der Welt bis zum Jahr 2020 kann gedeckt werden, ohne den jetzigen Jahresverbrauch an Primärenergien zu steigern. Dies ist die wichtigste Erkenntnis der soeben veröffentlichten Studie „Energie für eine lebensfähige Welt“ aus der Feder vier angesehener Energiewissenschaftler aus Brasilien, Indien, Schweden und USA.

  • José Goldemberg u.a.: Energy for a Sustainable World. Wiley Eastern, Neu Delhi 1988; 120 Seiten, 10,– US-Dollar

Die frohe Energiebotschaft steht in krassem Gegensatz zu den düsteren Szenarien der vom Jülicher Kernforschungsdirektor Wolf Häfele betreuten Weltenergiestudie (IIASA 1981) oder der von der Weltenergiekonferenz 1982 veröffentlichten Analyse: Beide Studien geben noch immer die amtlich hochgehaltene Energieversorger-Perspektive wieder, und die folgt dem Motto: Die Weltbevölkerung wächst, der Lebensstandard der Entwicklungsländer steigt, folglich wird sich der Weltbedarf an Primärenergien bis zum Jahr 2020 mindestens verdoppeln, vielleicht gar verdreifachen.

Dagegen die neuen Erkenntnisse der Autoren von vier Kontinenten: Der Pro-Kopf-Energieverbrauch in den Industriestaaten ließe sich bis 2020 um die Hälfte senken – bei anhaltendem Wirtschaftswachstum. Der Lebensstandard in den Entwicklungsländern ließe sich etwa dem Niveau der westeuropäischen Bevölkerung der siebziger Jahre angleichen, ohne dabei den Pro-Kopf-Energieverbrauch um mehr als bescheidene dreißig Prozent zu erhöhen. Es ergäbe sich eine für den Nord-Süd-Interessenausgleich wohltuende Umleitung der Energieströme.

Die Autoren folgen einer plausiblen, wenn auch von der amtlichen Energiepolitik noch immer ignorierten Logik: Statt sich weiter auf eine stärkere Versorgung mit Energierohstoffen zu konzentrieren, sollte man von einer Analyse des Energie-Endnutzens ausgehen. Dabei kommen die Chancen einer höheren Energieproduktivität zum Tragen – und dies sowohl in den Industrie- als auch in den Entwicklungsländern. Dabei werden auch die seit fünfzehn Jahren laufenden Energiesparmaßnahmen in den westlichen Industriestaaten berücksichtigt.

Die Methode der Endnutzen-Analytilk führte die Autoren zu folgender Entdeckung: Nicht nur beschleunigt sich in den Industriestaaten die Abkehr vom Verbrauch energieintensiven Grundmaterials wie Stahl, Aluminium, Zement, Papier, Ammoniak, Ethylen, Chlor; zugleich hält der Trend zur Dienstleistungsgesellschaft an, begleitet von der Einführung neuer Technologien mit sparsamerem Materialverbrauch. Überdies wenden sich die zahlungskräftigeren Verbraucher von materialaufwendigen Produkten ab und neigen sich verarbeitungsintensiven Produkten wie Videorekordern, Heim-Computern und entsprechender Software zu.