Von Horst Bieber

Wieder einmal das Gesetz der Unglücksserie – statistisch sinnlos, aber politisch und psychologisch von großer Wirkung: Mitte vergangener Woche stürzte eine französische Mirage nach Tiefflugmanövern nur eineinhalb Kilometer von den beiden Kernkraftwerken bei Landshut ab. Einen Tag später raste eine amerikanische F 16 in den Ort Forst bei Bruchsal – etwa fünfzehn Kilometer von den Kernkraftwerken bei Philippsburg entfernt. Noch einmal 24 Stunden später schlug eine französische Mirage in Lothringen auf einem Acker auf – drei Unfälle mit Militärflugzeugen innerhalb von drei Tagen.

Die Kernkraftgegner fordern jetzt erst recht das Aus für die Atommeiler, weil bei älteren Reaktoren der bauliche Schutz gegen abstürzende Maschinen der heute üblichen Größe in der Tat nicht gewährleistet ist. Vom Tieffluglärm geplagte Bürger verlangen noch entschiedener das Verbot von Flugübungen in 150 Meter Höhe – in bestimmten Gebieten dürfen die Militärjets sogar 75 Meter tief fliegen. Kraftwerksbetreiber und Behörden versichern, wirkliche Gefahr habe nie bestanden. Das Verteidigungsministerium äußerte Verständnis, beharrte gleichwohl darauf, der militärische Auftrag setze nun einmal Übungen über jenem Gelände voraus, das im Ernstfall zu verteidigen sei.

Die Unfähigkeit einer hochtechnisierten Gesellschaft, auf Alarmzeichen des Apparats verständig zu reagieren, nimmt so groteske wie lebensgefährliche Züge an. Es gibt viele gute Gründe gegen die Kernkraft, und die Gefährdung nuklearer Anlagen durch abstürzende Flugzeuge, militärischer und ziviler Nutzung, ist fraglos einer davon. Doch wer ihn in den Tagen des Entsetzens verabsolutiert, provoziert unvermeidlich die Gegenfrage: Was geschieht denn, wenn ein brennender Jagdbomber in die Produktionsanlagen eines chemischen Großkonzerns kracht? Oder: Wieviel Opfer wären zu beklagen, wenn ein Jumbo über München-Neuperlach abschmiert?

An die alltäglichen Risiken haben wir uns anscheinend so sehr gewöhnt, daß wir die Unglücke und Beinahe-Katastrophen nur noch benutzen, von Fall zu Fall Maximalforderungen zu erheben, die nicht erfüllt werden, worauf der Alltag wieder einkehrt. Bis zum nächsten Unglück. Doch wenn große Lösungen nicht Zustandekommen – wie haben dann die nächsten Schritte auszusehen?

Militärische Tiefflugübungen sind wohl unerläßlich. Doch über der dichtbesiedelten Bundesrepublik sind sie eine Plage für die Bevölkerung, über dem Industriestandort Bundesrepublik eine Gefahr. Die logische Konsequenz kann also nur heißen, die Zahl der Flüge so weit wie möglich zu reduzieren. Da unsere acht Nato-Partner einen gemeinsamen Verteidigungsauftrag erfüllen, wäre es nur recht und billig, daß sie die daraus unvermeidlichen Belästigungen auch ihren eigenen Bürgern zumuten – Truppenstatut hin und jahrelange Praxis her. Den Franzosen wird es leichter fallen als den Niederländern.

Piloten gleich welcher Nationalität, die vorgegebene Fluggebiete verlassen oder verbotenerweise markante Industriebauten zu Aufflugübungen benutzen, müssen identifiziert und notfalls hart bestraft werden – sie sollen schließlich nicht die Freiheiten der Luftwaffen verteidigen, sondern die der "Bürger unter ihnen", die ein Recht auf Sicherheit auch im Frieden haben.