Von Wolfgang Gehrmann

Im Fahrstuhl geht es in den Frühling. Während draußen grimmiger Frost die weite, winterliche Ödnis des amerikanischen Corn Belt beherrscht, sprießen oben im sechsten Stock des Forschungszentrums Baumwolle und Mais. Auf dem Hochhausdach wachsen im wohligen Klima von zwei Dutzend Gewächshausreihen neben Tomaten und Tabak Kartoffeln, Weizen und Sojabohnen. Die fahle Wintersonne von Missouri, die ohnmächtig über den Glasdächern steht, leistet einen ganz überflüssigen Beitrag zum Gedeihen der jungen Pflanzen.

Ein Stockwerk tiefer sind Wetter und Jahreslauf erst recht ausgeschaltet. Zu beiden Seiten kahler Gänge reihen sich schwere Stahltüren aneinander, hinter jeder eine hermetisch dichte Klimakammer. In den Räumen können Forscher mit Computerhilfe jedes Klima der Welt schaffen – feuchtschwüle Dschungelatmosphäre oder trockenheiße Wüstenluft.

Nichts als Pflanzen auch hier. Vertrautes aus dem Vorgarten darunter, aber auch amorphe grüne Wucherungen in Hunderten von Petrischalen und bläßliche Fadenbündel, die in Reihen von Reagenzgläsern stecken.

Die technische Isolation entzieht die Tomaten oben auf dem Dach, die bizarren Gewächse hinter Panzertüren nicht nur dem lästigen Wechsel der Jahreszeiten und bewahrt sie vor ungünstigem Klima. Sie sichert auch – umgekehrt – die Natur gegen diese Pflanzen, die den geltenden Regeln der Biologie trotzen. Ihre Erbanlagen sind von Forschern mit den Methoden der Gentechnik verändert worden. Die Pflanzen sollen so neue nützliche Eigenschaften bekommen, aber die Umwelt muß vorerst vor ihnen geschützt sein.

Die artifiziellen Gewächse gedeihen im Life Science Research Center des amerikanischen Chemiekonzerns Monsanto in St. Louis. Sie sind Sproß einer neuen Liaison: der Geschäftsverbindung von Big Business und Biotechnik.

Seit vor eineinhalb Jahrzehnten Molekularbiologen in Kalifornien und Neuengland das genetic engineering entwickelten, verfolgt die Industrie gespannt jeden Schritt der neuen Technik. Wer immer mit biologischen Produktionsprozessen zu tun hat – Chemie- und Pharmaindustrie, Lebensmittelkonzerne und Landwirtschaft, Ölmultis und Minengesellschaften –, rechnet mit einer industriellen Revolution ohne Beispiel.