In der stärksten Volkswirtschaft Westeuropas grassiert die Zukunftsangst. Politiker, Unternehmer und Verbandsfunktionäre in der Bundesrepublik, die bis vor ein paar Monaten stolz darauf waren, es zum "Export Weltmeister" gebracht zu haben, sehen ihr Land selbstmitleidig nur noch als jämmerliche "Weltmeister in Freizeit". Die Deutschen seien, behauptet der stem in einer Titelgeschichte, "zu satt, zu lahm, zu teuer". Glaubt man den Spitzen der westdeutschen Wirtschaft, ist der "Industriestandort Bundesrepublik Deutschland" in höchster Gefahr: Löhne und Steuern sind zu hoch, die Arbeitszeit zu kurz, die Umweltauflagen zu streng, die Infrastruktur zu kostenträchtig.

Panik im Wirtschaftswunderland. Sind die Deutschen wieder einmal dabei, verrückt zu werden?

Im vergangenen Jahr verkaufte die Wirtschaft der Bundesrepublik für 116 Milliarden Mark mehr Waren im Ausland als sie von dort bezog - der größte Ausfuhrüberschuß in der Geschichte des Landes. Die Deutschen behaupteten ihren Platz als größte Exportmacht der Welt, noch vor Japan und den USA. Und doch klagen Unternehmer über wachsende Standortnachteile.

Der Anteil der Löhne am Volkseinkommen (die bereinigte Lohnquote) ist kräftig zugunsten von Gewinnen und Zinseinkünften gesunken - von 70 5 Prozent 1982 auf 65 5 Prozent im vergangenen Jahr. Und doch soll die Arbeit hierzulande so teuer geworden sein, daß das Produzieren für den Weltmarkt zum Zuschußgeschäft wird.

Die deutschen Unternehmen schwimmen im Geld: Ihre Selbstfinanzierungsquote ist in fünf Jahren um sieben Punkte auf 95 Prozent gestiegen. Und doch denken immer mehr Manager laut und publikumswirksam über Produktionsauslagerung ins angeblich billigere Ausland nach.

Die Liste derer, die den Klagechor anführen, liest sich wie ein Whos who der deutschen Wirtschaftselite:

Tyll Necker, Präsident des Bundesverbandes der Deutschen Industrie (BDI), sieht die Bundesrepublik auf dem Weg in die "Blaupausen Gesellschaft": "In Deutschland werden die Kosten, im Ausland die Erträge produziert Otto Wolff von Amerongen, Ex Präsident des Deutschen Industrie- und Handelstages (DIHT), spricht von ersten Spuren einer "Aushöhlung" des Industriestandorts Bundesrepublik. Daimler Benz Chef Edzard Reuter fordert als Konsequenz aus dem Verfall des Dollars einen Lohnstopp. Frank Paetzold, Präsident des Verbandes Deutscher Maschinen- und Anlagenbau (VDMA), rechnet vor, allein aufgrund der kürzeren Arbeitszeit in der Bundesrepublik würden die Japaner im Jahr 2000 in Sachen Technologie einen Vorsprung von dreieinhalb Jahren haben. Und Eckart van Hooven, Vorstandsmitglied der Deutschen Bank, glaubt gar schon an eine allgemeine "Krise der Gesellschaft". Was ist los mit dem Industriegiganten Bundesrepublik Deutschland? Leben die Deutschen über ihre Verhältnisse? An scheinbar alarmierenden Signalen aus der Wirtschaft fehlt es nicht.