Zehn Tage nur hätten fast genügt, und eine Jahrhundertentdeckung wäre nicht patentiert worden. Als die Molekularbiologen Herbert Boyer und Stanley Cohen Anfang November 1974 ihre Methode, Bakteriengene mit Hilfe von Plasmiden in artfremde Zellen zu übertragen, beim amerikanischen Patent and Trademark Office anmelden ließen, sahen sie demnächst schon reichliche Lizenzeinnahmen auf ihre Konten fließen.

Doch sie hatten etwas übersehen, einen kleinen Aufsatz, der in der Ausgabe des New Scientist vom 25. Oktober 1973 erschienen war. Boy er hatte kurz zuvor auf einem Kongreß über seine Experimente berichtet. Ein Kollege, Edward Ziff, hatte mitgeschrieben und die Neuigkeit für bescheidenes Honorar als Story an das Wissenschaftsmagazin verkauft.

Cohens und Boyers Pech: Das amerikanische Recht schreibt vor, daß ein Patent spätestens ein Jahr nach der Erstveröffentlichung der Erfindung angemeldet werden muß. Die Anmeldung der Wissenschaftler aber kam exakt ein Jahr und zehn Tage nach dem Ziff-Artikel. Cohens und Boyers Glück: Nach zehn Jahre währenden juristischen Auseinandersetzungen obsiegten die Anwälte der Stanford University, die die beiden Forscher vertraten, doch noch und erhielten das Patent. Zum Dank traten die beiden Biologen ihre Rechte an die Universität ab. Stanford rechnet jetzt mit jährlich zehn Millionen Dollar Lizenzeinnahmen aus dem ersten und wichtigsten Patent der Gentechnik.

Der zehnjährige Streit um das Cohen-Boyer-Patent war der längste, doch beileibe nicht der einzige um Eigentumsrecht an gentechnischen Forschungsresultaten. Seit gewiß ist, daß die neuen Methoden der Biotechnik sich kommerziell verwerten lassen, haben Forscher und Firmen allein in den Vereinigten Staaten 7000 Gentechnik-Patente angemeldet – und hundertfach ist es darüber zu Konflikten gekommen.

Der jüngste und ökonomisch interessanteste Fall nahm im vergangenen Jahr seinen Gang durch die Instanzen der britischen Justiz. Der Streit ging um kein anderes Produkt als das Infarktmittel tPA. Genentech hatte im Februar 1986 vom Londoner Patent Office ein generelles Schutzrecht auf jede Art des Wirkstoffes bekommen, die mit gentechnischen Methoden gewonnen wurde. Doch das britische Pharmaunternehmen Wellcome hatte längst mit Methoden, die denen von Genentech glichen, eigenes tPA produziert – so wie etliche andere Firmen auch. Wellcome focht deshalb das Genentech-Patent an.

Im vergangenen Juli fällte der High Court in London seine Entscheidung, die von den Pharmafirmen überall auf der Welt mit Spannung erwartet wurde: Genentechs Patent wurde aufgehoben. Hauptargument in Richter Whitfords neunzigseitiger Urteilsbegründung war, daß Genentechs Patentanspruch zu breit war – man könnte auch sagen: zu unverschämt. tPA-Gene in fremde Zellen zu übertragen – so die Quintessenz des Spruchs – sei keine neue besondere Technik, sondern längst wissenschaftliches Allgemeingut.

Genentech kündigte an, das Urteil anzufechten und zugleich seine Patentansprüche auf tPA in allen Ländern der Welt weiterzuverfolgen – koste es, was es wolle. Die Reaktion war so symptomatisch wie der ganze Fall. Die Unternehmen versuchen mit allen Mitteln, nicht nur bestimmte Produkte, sondern möglichst generelle gentechnische Verfahren patentieren zu lassen. Sie werfen damit Fragen auf, die das herkömmliche Patentrecht – sei es in Amerika, sei es in Europa – nicht leicht beantworten kann. Im Kern nämlich geht es um das ethische Problem, ob Natur, ob Leben überhaupt patentfähig ist.