Von Petra Kipphoff

Wie ein schwarzer, wild zerwühlter Vorhang zieht sich die dunkle Gewitterwolke vom Himmel herab bis zu den Bergkämmen, die Menschen im Vordergrund sind kaum zu erkennen; aber links, wo die Wolkenwand aufreißt, wird der Blick in eine helle, sonnenbestrahlte Ebene hineingezogen. "Hannibal und seine Armeen überqueren die Alpen", heißt dieses Bild von William Turner, ein Vorläufer seiner gewaltigen Naturportraits. Es hängt nicht in der großen Phönizier-Ausstellung in Venedig, denn es ist kein historisches Dokument, sondern (auch) ein Stück Historienmalerei. Aber nicht für irgendjemanden hätte Turner ein solches Naturspektakel inszeniert. Und so zeigt dieses Bild, das den Helden auf dem Elefantenrücken kaum erkennen läßt, gerade indirekt die Faszination, die von dem legendären Feldherren der Karthager und bedeutenden Staatsmann des Altertums über Jahrhunderte hinweg ausgeht. Wie in Turners Bild, so verschwand Hannibal mit seinem Volk, den Phöniziern, von der Landkarte der Geschichte, nachdem die Römer, deren Herrschaft er durch die Alpenüberquerung und die Schlachten am Trasimenischen See und bei Cannae ernsthaft gefährdet hatte, Karthago 146 v. Chr. dem Erdboden gleichmachten. Hannibal, ein, wie überliefert ist, genialer Heerführer, der die Übermacht der Römer durch eine neue, bewegliche Schlachtordnung konterkarierte und der sich nach der schließlich doch unvermeidlichen Niederlage nach Karthago zurückzog und dort die Verfassung und das Finanzwesen neu organisierte, verbrachte seine letzten Jahre auf der Flucht vor den Römern und tötete sich selbst, ehe er ausgeliefert werden konnte.

Von Hannibal, seinen Taten und Talenten, spricht ein afrikanischer Journalist, als wir in einem Ausstellungsraum des Palazzo Grassi stehen, in dem ein bronzener Brustpanzer eines Kriegen ausgestellt ist, und auf großen Wandkarten die Expeditionen und Kriegszüge Hannibals eingezeichnet sind. Und man begreift plötzlich, daß diese Ausstellung, die sich beim ersten Anblick als brillanter Kraftakt der Archäologie darbietet, mindestens genauso wichtig ist als kulturpolitisches Ereignis. Zur Zeit, da im Libanon, dem Ursprungsland der Phönizier, Grabungsfelder zu Schlachtfeldern geworden sind und man in Jerusalem, wo König Salomo sich einst von den Phöniziern Haus und Tempel aus den Zedern des Libanon bauen ließ, mit der gnadenlosen Kolonisierung der Palästinenser beschäftigt ist, wird eine Ausstellung wie diese auch zu einem Plädoyer für die Kulturen, die nicht im Mittelpunkt der Weltpolitik standen oder stehen und für Völker, die ohne Land sind.

Die Kulturgeschichte des Mittelmeerraums wird ergänzt und korrigiert durch diese Ausstellung, die die erste große Ausstellung phönizischer Kultur überhaupt ist (wie viele Ägypten-Shows haben wir in den letzten Jahren gesehen) und deren Vorarbeiten zehn Jahre lang gedauert haben. Der FIAT-Konzern, der vor drei Jahren den Palazzo Grassi am Canal Grande zum Ausstellungshaus umbauen ließ, hat das Unternehmen finanziert, die Mailänder Architektin Gae Aulenti, berühmt berüchtigt wegen ihres Umbaus des Pariser Gare d’Orsay in ein Museum, hat die rund 1200 archäologischen Funde in einer ebenso luxuriösen wie spielerischen Inszenierung zusammengebracht. Und nun sind sie da: Ecco i Fenici, so der triumphierende Titel eines Sonderheftes von La Stampa.

Die Geschichte der Phönizier ist die Geschichte eines Volkes, dessen Städte und Kulturdenkmale weitgehend, dessen literarische Zeugnisse fast ganz zerstört sind und dessen Bild in der Geschichte daher weitgehend auf die Überlieferung anderer Völker zurückgeht. Ein Hauch von Herablassung ist da natürlich immer im Spiel. Das fängt bei der Namensgebung an: Phönizier wurden sie von den Griechen genannt nach dem aus Schnecken produzierten Purpurpigment, mit dem die Phönizier Stoffe färbten. Die Römer nannten sie Punier, Vom Alten Testament bis zu Homer, Vergil, Plutarch und Plinius, Plautus und Polybios kommen die Phönizier in der antiken Literatur vor, aber da die Griechen und Römer immer ihre Gegner waren, ist das Bild, das sie entwarfen, nicht eben schmeichelhaft. "Sie sind rauhe, düstere Gesellen, unterwürfig gegenüber denen, die sie regieren, aber herrisch gegenüber denen, die ihre Untertanen sind. Sie sind einschmeichelnd in Augenblicken der Angst, aber maßlos in ihrem Zorn, starr in ihren Entscheidungen und rigide bis zu dem Punkt, da sie die Freuden und Genüsse des Lebens beiseiteschieben." So Plutarch. Die Phönizier waren die Barbaren: bewundert zwar wegen ihrer Geschicklichkeit als Handwerker, ihrer Geschäftigkeit als Händler, ihres Mutes als Seefahrer. Im übrigen aber galten sie als Betrüger, als Krämerseelen, die ihre Töchter in den Tempeln der "Heiligen Prostitution" an Durchreisende für schnelle Vergnügen verkauften und Menschenschlächter, die ihre erstgeborenen Söhne dem Gott Baal im Feuer opferten (noch Flaubert hat diese Knabenopfer in seinem von den Düften und Farben des Ostens stark geschwängerten Roman "Salammbó" schaurig-schön geschildert).

Als eine Reise durch Raum und Zeit hat Gae Aulenti die stetige, um 1200 v. Chr. begonnene Wanderschaft der Phönizier im Palazzo Grassi ausgelegt. Sie bewegten sich von Ost nach West, über Zypern, Kreta, Malta, Griechenland gelangten sie nach Nordafrika, das zu ihrem Hauptstützungspunkt werden sollte, nach Sizilien, Sardinien, Spanien und Italien. Auf jeder Station gibt es Fundstücke: Figuren, Masken und Keramik, Gold und Glasschmuck, Münzen und Amulette. In labyrinthisch aufgestellten Vitrinen werden sie wie Preziosen präsentiert. Dazwischen Räume, in denen ganze Themen ausgebreitet werden: gleich in der Eingangshalle und von den einzelnen Stockwerken über die Brüstung hinweg sichtbar phönizische Sarkophage, aus einer künstlichen, rotbraunen Sanddüne wie zur Wanderschaft entschlossene Tote herausragend; in einem anderen Raum in einem Riesenplanschbecken auf veritablem Wasser Modelle der phönizischen Flotte – dazu im Hintergrund eine lebensgroße Styroporwelle über dem Wrack eines Schiffes; nochmal ein (diesmal gelber) Sandberg – aus dem die Tofets, die kleinen Grabstelen der Kinder auftauchen; schließlich ein Raum, in dem präzise geschnittene bunte Kegel in Sandkastenart nebeneinander stehen und, jeweils mit einem Accessoire versehen, auf die verschiedenen Wirtschaftszweige hinweisen. An den Wänden dazu Piktogramme, ein paar Geschichtszahlen und Namen, Zitate aus den Klassikern locker und unaufdringlich in Graffiti-Manier hingepinselt.

Die Phönizier, so heißt es, hätten keinen eigenen Kunststil entwickelt, sondern sich nur dieses oder jenes in den Gastländern und von den Handelspartnern abgeschaut, selber dann nur relativ krude Beiträge zur Kunst geliefert. Eine Feststellung, die sich angesichts der Tofets, der grinsenden Masken und der relativ schmucklosen Keramiken, die mehr ethnologische denn künstlerische Dokumente zu sein scheinen, nur schwer widerlegen läßt. Aber zu den Eigenschaften dieses nomadischen Volkes, die sich kaum ausstellen lassen (obwohl es im Palazzo Grassi versucht wird) gehört nicht zuletzt die Anordnung einer Buchstabenschrift, aus der sich dann das indogermanische Alphabet entwickelte. Und am Anfang und Ende der Ausstellung stehen zwei majestätische Skulpturen von eigenartiger Schönheit, die sich vielleicht gerade aus dem Zusammentreffen eines klassischen Formgefühls und barbarischem Widerspruch erklärt: die löwenköpfige Terrakotta-Frauenstatue aus Tunesien, entstanden im 1. Jahrhunden n. Chr., eine zoomorphe Göttin von komisch königlicher Anmutung; und die Marmorstatue eines Jünglings aus Sizilien, entstanden im 5. Jahrhundert v. Chr., eine Figur in fast manieristischer Pose, das Gewand (das für den phönizischen Auftraggeber spricht) betont die exaltierte Gestik.