Von Hans Schuh

Zunehmend beeinflussen globale Gefahren wie radioaktive Verseuchung, Wald- und Artensterben, Schadstoffbelastungen der Nahrung, Luftverschmutzung und Klimaveränderungen Politik, Wirtschaft und Wissenschaft. Ein geschärftes Risikobewußtsein der Bevölkerung entscheidet mit über Milliardeninvestitionen, prägt die Zukunft ganzer Branchen und Forschungsrichtungen, etwa der Atomindustrie und Chemie, aber auch einzelner Fachgebiete wie der Gentechnik, Atmosphärenphysik, Forstwissenschaft oder Virologie. Der Bamberger Soziologe Ulrich Beck sieht die Klassengesellschaft von einst sich wandeln in eine "industrielle Risikogesellschaft". Habe früher die treibende Kraft geheißen "Ich habe Hunger!", so laute sie in der Risikogesellschaft "Ich habe Angst!"

Angst ist meist ein schlechter Ratgeber und es wäre fatal, ihr einen entscheidenden und unkontrollierten Einfluß auf die zukünftige wissenschaftliche und wirtschaftliche Entwicklung einzuräumen. Aber wie setzt sich Angst um in Risikobewußtsein, wie weit stimmen subjektiv empfundene Risiken mit den realen Gefahren überein und wie lassen sich Risiken möglichst objektiv einschätzen?

Auf einer Tagung über "Das Risiko und seine Akzeptanz" zu der – nicht zufällig – die Hoechst AG nach Boppard am Rhein geladen hatte, wurden zwei Dinge deutlich. Erstens: die Risikoforschung in der Bundesrepublik steckt im Vergleich zu den USA noch in den Kinderschuhen. Zweitens: die Einstellung zum Risiko hat sich mit zunehmender Industrialisierung erheblich gewandelt.

Noch vor hundert Jahren lehnte manch streng gläubiger Christ eine Anästhesie oder schmerzdämpfende Medikamente ab. So verlangte es angeblich der allmächtige Schöpfer, ohne dessen Willen kein Spatz vom Himmel und kein Haar vom Haupte fällt. Unter Schmerzen sollten die Gläubigen gebären und gottesfürchtig alle Risiken ertragen – ob Hunger, Krankheit oder Tod.

Unsere heutige Einstellung zu den Fährnissen des Lebens ist radikal anders. Risikoforscher wie der Schweizer Andreas Fritzsche sprechen gar von einer Risikophobie, die sich breit mache. Das Sicherheitsbedürfnis wächst. Längst geben viele Mitteleuropäer mehr Geld für Versicherungen aus als für Nahrung.

Fritzsche, Mitglied der Eidgenössischen Kommission für die Sicherheit von Kernanlagen und Autor eines umfassenden Werkes über Risikobeurteilung und -bewältigung, machte auf die Widersprüchlichkeit aufmerksam, mit der wir bekannte und unbekannte, freiwillig und unfreiwillig eingegangene Risiken einschätzen. Ein Musterbeispiel: der Raucher, der gegen die allgemeine Luftverschmutzung demonstriert.