Von Hans Otto Eglau

Hier im 24. Stock war mein Büro“, sagt One S. Sung und zeigt auf einen der beiden Bürotürme in Seouls teurem Geschäftsviertel Youido. Mit seiner bisherigen Wirkungsstätte als Panorama-Wandschmuck unübersehbar vor Augen, arbeitet der 40jährige Koreaner mittlerweile an einem Platz von vergleichsweise bescheidenem Charme: im Industriegebiet Nord der Stadt Worms, irgendwo zwischen Großhandelslagern, Speditionen und Fabrikhallen.

Daheim in der Zentrale des Industrie-Konglomerates Lucky-Goldstar war er als Marketing-Experte für überseeische Märkte ein kleineres Rädchen im großen Getriebe des Firmenimperiums mit rund 150 000 Beschäftigten. Jetzt ist der dezent modisch gekleidete, in seinem Auftreten internationalen Schliff vermittelnde Manager in Worms die unbestrittene Nummer eins. Zwar ist Sung gerade erst Chef von 110 Beschäftigten geworden – überwiegend jüngere Fließbandarbeiterinnen; doch das neuerbaute Fernseh- und Videogerätewerk, das Goldstar-Präsident Cha-Hak Koo im November feierlich einweihte, soll noch wachsen. Schon im April wird ein drittes Fertigungsband in Betrieb genommen. Zusätzlich zu den von der Stadt gekauften 65 000 Quadratmetern Bauland sicherten sich die Koreaner eine Option auf weitere 35 000 Quadratmeter.

Bereits in drei bis vier Jahren will Goldstar in Worms mit dann 500 Beschäftigten jährlich 300 000 Fernseher und 400 000 Videorecorder vom Band laufen lassen. So als gelte es, auch nach außen zu dokumentieren, daß man am Rhein nicht etwa „auf Abriß“ lebt, ließen die fernöstlichen Manager die mit der Bauplanung beauftragte japanische Firma Takenaka Kommen Wandverkleidungen, Bodenbeläge und Dekorationen vom Feinsten wählen. Und mit ausgeprägtem Sinn für Symbolik pflanzte Konzernchef Koo vor dem Haupteingang seines ersten europäischen Werkes eine junge Blautanne.

Was bewog das nach Samsung, Daewoo und Hyundai viertgrößte koreanische Unternehmen dazu, sein Produktionszentrum in derEuropäischen Gemeinschaft ausgerechnet in der Bundesrepublik, dem teuersten Standort innerhalb der EG, zu errichten? Daß die Wormser Wirtschaftsförderer den Quadratmeter Bauland, teilweise sogar schon erschlossen, zum Vorzugspreis von zwanzig Mark hergaben, war für die Koreaner offenbar nicht so wichtig. Sung: „In England hätten wir das Grundstück samt einer der vielen leerstehenden Fabriken sogar kostenlos bekommen.“ Nach einer fast einjährigen Standortanalyse hätten am Ende vielmehr die liberale Handelspolitik Bonns, die zentrale Lage in Europa und die Existenz einer leistungsfähigen Zulieferindustrie den Ausschlag für das Investment am Rhein gegeben. Schon heute bezieht das Goldstar-Werk die Kunststoffgehäuse für seine TV- und Videogeräte bei deutschen Herstellern, zunehmend auch Bildröhren, elektronische Bauelemente und Transformatoren. Da die Koreaner in Worms große Fernseher auch für nahöstliche Länder produzieren wollen, könnten sie schon deshalb nicht auf heimische Teilehersteller zurückgreifen, da diese fast ausnahmslos auf Geräte mit kleinerem Bildschirm spezialisiert sind. „Unsere Produktion in der Bundesrepublik wird sich von der in Korea erheblich unterscheiden“, kündigt Deutschland-Manager Sung an, der für koreanische Produkte „Made in Germany“ selbst in Australien gute Absatzchancen sieht.

Mit derart optimistischen Zukunftserwartungen gibt ein Konzern seinen Einstand in der EG, dessen – nach europäischen Maßstäben – unorthodoxer Aufstieg seinesgleichen sucht. Vor vier Jahrzehnten als Hersteller von Hautcreme gestartet, stieg Gründer Koo In-Hwoi Anfang der fünfziger Jahre in großem Stil ins Geschäft mit Plastikartikeln für den Haushalt ein. 1958 produzierte die Firma das erste rein koreanische Radio, wenig später schon Telephone und Fernsehgeräte. Heute gehören zur Lucky-Goldstar-Gruppe 32 Gesellschaften, die im vergangenen Jahr zusammen einen Umsatz von fünfzehn Milliarden US-Dollar erzielten.

Die Lucky Ltd. ist der größte Chemiehersteller Koreas. Goldstar konkurriert mit Samsung als führender Anbieter des Landes in der Konsumelektronik. Daneben mischt das Imperium in der Metallgewinnung und in der Bauindustrie, im Handel und im Versicherungswesen mit. Im zentralen Forschungslabor arbeiten Goldstar-Wissenschaftler an so ehrgeizigen Zukunftstechnologien, wie der fünften Computergeneration, neuen Roboterentwicklungen und noch schnelleren Halbleitermaterialien.