Ensemble Tre Fontane: „Musik des 14. Jahrhunderts

Da man sogar in populären Musiklexika auf das Stichwort „Aufführungspraxis“ stößt, ist es also ernst damit. Es geht um die ewige Frage, wie der Komponist, wie eine Zeit es nun wirklich gemeint haben könnten. Musiker mit wissenschaftlichem Ehrgeiz hat ihr Korrektheitsbedürfnis dabei schon zu erlesenen Langweilern gemacht, und so schafften es die anderen, denen am Ende die musikalische Wahrheit wichtiger als die der Buchstaben und Analogien ist, eher, ihr Publikum wachzurütteln: Das soll alte Musik sein? So gelang dem französischen Duo Maurice Moncozet (Flöte, Schalmei, Gesang) und Pascal Lefeuvre (Drehleier) ein erstaunliches kleines Konzert mit ihrer „an des jongleurs“. Nicht, daß sie einfach drauflosspielten; sie haben sich schon ziemlich gründlich mit dieser Musik beschäftigt. Sie versuchten, sich in die alte Zeit, das alte Lebensgefühl, zu versetzen. Aus dem, was sie vorfanden, und dem, was ihnen als blutvollen Musikanten dabei in den Sinn kam, entstand nun eine springlebendige mittelalterliche Tanzmusik: Estampien, Rondeaux, Virelais (drei vom berühmten Guillaume de Machaut). Über dem rhythmisch einfachen, beharrlichen Drehleier-Fundament (wechselnder Klangfarbe) bewegt sich frei die Oberstimme. Es fällt schwer, sich gegen die Metapher vom „Mittelalter-Rock“ zu sträuben – und nicht zu tanzen, namentlich in der letzten, einer italienischen Estampie mit ihrer ganz unerhörten Steigerung. (EFA-Trikont 0147 09)

Manfred Sack

The Smiths: „Strangeways, Here We Come“

In England genossen die Musiker um den Sänger Steven Morrissey und den Gitarristen Johnny Marr den Status von Kultfiguren. Da mochte es einer nationalen Tragödie gleichkommen, als sich die Band vor einigen Monaten zersplitterte. Morrissey schrieb und sang klassische Popsongs, die die Absurditäten des Lebens in verblüffend griffigen Formulierungen spiegelten und die Paradoxien des Alltags mit trockenem Humor mitleidlos entlarvten. Morrisseys nonchalanter Gesang und Marrs schwärmerische Melodieführung bildeten ein Gegengewicht zu den oftmals morbiden und desolaten Themen von unglücklicher Liebe, ewigen Verlierern und einsamem Tod. Das sechste Album, das kurz nach Marrs Abschied von der Gruppe erschien, weiß vom „Death of a Disco Dancer“, einem „Girlfriend in a Coma“ und dem „Unhappy Birthday“ zu erzählen, Morrissey legte auch Hand an seinen eigenen Star-Status und zerfräste satirisch sein Image als Pop-Ikone („Paint a Vulgär Picture“). Trotz extremer Themenwahl und frivoler Direktheit wirkten die Songs der „Smiths“ nicht wie billiges Schockmaterial „Die Welt ist anders“, wußte Morrissey, „als die Top-40-Geschichten der Hitparade es uns weismachen“. (Rough Trade RTD 60) Barry Graves