Written in the West" nennt Wim Wenders seinen Band mit Photographien aus Amerika. "Auf meinen Photos sind nur wenige Menschen zu sehen, dafür viele Schriften und Schilder. Sie ersetzen in dieser Landschaft sozusagen die Menschen. Die allgegenwärtige Präsenz von Schrift- und Reklametafeln ist auch ein typisches Phänomen des amerikanischen Westens. Da die Leute sich kaum richtig haben niederlassen können, kommt es mir so vor, als ob sie überall mit Vorliebe große Inschriften gemalt hätten, um sich nicht mehr so allein zu fühlen und um zu demonstrieren, daß sie die Landschaft wirklich für sich erobert hatten."

Der die Landschaft noch einmal erobert, heißt Wim Wenders. Er ist ein Eroberer, der die schon vergilbten und verwelkten Spuren der Eroberung besichtigt. Denn verlassen sind die Straßen, aus den Ritzen des Zements sprießt das Gras, das Kino ist längst geschlossen (obwohl der Schaukasten am Eingang noch die Überschrift Now showing trägt), von den Reklametafeln blättert die Farbe, und auf den Sesseln im Foyer des Motels hat schon lange niemand mehr gesessen.

Weiß und klar ist das Licht, blau der Himmel, scharf sind die Umrisse, leuchtend die Farben. Wir sehen die Behausungen der Menschen, als wären wir Besucher von einem anderen Stern, zufällig gelandet in einem scheinbar endlosen Gefilde, das aus befremdlich schönen Wüsteneien besteht, in der eine vielleicht ausgestorbene Spezies rätselhafte Ruinen hinterlassen hat. Der Mythos vom Wilden Westen ist unerschöpflich, Wim Wenders fügt ihm eine weitere, europäische Variante hinzu: Die Sehnsucht nach einer Offenheit und einer Leere, die an einen fernen Anfang erinnert und einen neuen möglich erscheinen läßt.

Der schön ausgestattete Band beginnt mit einem Gespräch zwischen Wim Wenders und Alain Bergala. Darin erzählt Wenders, wie die Photos entstanden: auf einer Reise durch den amerikanischen Westen, als er sich nach Schauplätzen für seinen Film "Paris, Texas" umsah. Für die Motivsuche verwendete er eine übliche Kleinbildkamera. Für die Photos dieses Buches hingegen eine Kamera mit dem Format sechs mal neun. So ist die Wiedergabe gestochen scharf. Sogar die Zigarettenkippe auf der Straße sieht man. Er habe die Bilder ausschließlich zu seinem Vergnügen gemacht, sagt er. Dieses Vergnügen bestand offenbar auch darin, allein zu sein. "Zwischen der Einsamkeit und dem Akt des Photographierens besteht ein wichtiger Zusammenhang. Diese Art des Blicks kann man niemals entwickeln, wenn man nicht allein ist, dieses völlige Verschwinden in dem, was man sieht."

Das Gespräch enthält auch schöne Fachsimpeleien über den Unterschied zwischen Photographieren und Filmen, über die Wahl der Bildausschnitte und vieles mehr. Wer den Westen liebt, dem sei das Buch empfohlen. Wer den Wenders liebt, kauft es sowieso. Ulrich Greiner

  • Wim Wenders:

"Written in the West"

Photographien aus dem amerikanischen Westen. Schirmer/Mosel Verlag, München 1987, 62 Farbfotos, 58,–DM