Von Roger de Weck

Marseille, Anfang April

Vor Zeiten war es ein Hafen voller Gerüche und wilder Gerüchte, ein Umschlagplatz der Sehnsüchte und Leidenschaften. Reisende aus aller Herren Länder konnten sich nicht satt sehen an Marseille, am Gewirr der Gassen, am Gemenge und Gedränge der Mittelmeervölker. Das jahrtausendealte Pflaster hatte es den Schriftstellern angetan; wenn sie über Marseille schrieben, floß ihnen eine sonderbare Mischung aus Überschwang und Getragenheit in die Feder: Die Stadt drückte jedem Poeten ihren eigenen Stil auf.

Doch seit ein paar Jahren befassen sich weniger die Poeten als die Politiker mit Marseille, das sich unversehens in eine Hochburg des Rechtsextremismus verwandelt, hat. Die Nationale Front des Rassisten Jean-Marie Le Pen ist in der zweitgrößten Stadt Frankreichs zur zweitgrößten Partei aufgerückt; mit 24,4 Prozent lag sie bei den letzten Wahlen im Frühjahr 1986 nur knapp hinter den Marseiller Sozialisten (26,2 Prozent) zurück. Und wenn nicht alles trügt, ist die Nationale Front seitdem noch stärker geworden. Wie es heißt, hat es Le Pen auf das klassizistische Rathaus von Marseille – dessen selten ebenmäßige Fassade dem malerischen Hafen zugewandt ist – abgesehen. Er darf sich Chancen ausrechnen, zum Bürgermeister der ältesten französischen Stadt aufzusteigen.

Fürs erste bewirbt sich Jean-Marie Le Pen allerdings um das Amt des Präsidenten der Republik. Seine größte Wahlkampfveranstaltung wird er demnächst, eine Woche vor dem ersten Wahlgang, in Marseille abhalten. Die Nationale Front hat das riesige Fußballstadion angemietet, fünfzigtausend Plätze. Wird es voll besetzt sein? Kein anderer Spitzenpolitiker hätte sich diesen Größenwahnsinn leisten können. Wo sonst der beim FC Olympique Marseille spielende deutsche Stürmer Klaus Aloffs im Mittelpunkt steht, wird sich diesmal der rechtsextreme Führer bejubeln lassen. Er hat die Stadt im Sturm erobert. Vor fünf Jahren war er ein politisches Nichts. Jetzt wird am Wahlsonntag jeder vierte, wenn nicht gar jeder dritte Marseiller für den Präsidentschaftskandidaten der Nationalen Front stimmen ...

Jäh vergilbt ist denn auch das Klischeebild einer stilechten südfranzösischen Stadt voller Lebenslust und Lebensweisheit, wie es der provenzalische Schriftsteller Marcel Pagnol in seiner berühmten Marseiller Trilogie "Marius", "Fanny" und "Cesar" gezeichnet hatte. Würde heute Marius, der vom Fernweh überwältigte Seemann, immerzu auf "die Araber" schimpfen? Würde seine rührende Geliebte Fanny in die Nationale Front eintreten? Würde der behäbige Wirt Cesar, lässig an die Theke seiner Hafenkneipe gelehnt, ein Glas Pastis in der Hand, nur noch auf Le Pen schwören?

Der César von anno 1988 nennt sich Dede Lambert und führt die Bar des Yachts am alten Hafen. Das heißt, er führte sie. Denn Dédé, eine stadtbekannte Figur und eine der Stützen der Nationalen Front, sitzt jetzt hinter Gittern. Der 49jährige Wirt verstand nämlich keinen Spaß, als sich letzthin zwei junge Leute, der eine obendrein ein Araber, über die an der Fensterfront der Bar des Yachts angebrachten Le-Pen-Plakate lustig machten. Dede zückte eine Waffe und schoß aus nächster Nähe, so daß einer der beiden "Störenfriede" eine Schrotladung abbekam und mittelschwer verletzt wurde.