Von Marion Gräfin Dönhoff

Nun gibt es also eine Shepard-Stone-Stiftung in Berlin: Edzard Reuter, Sohn von Ernst Reuter und Vorstandsvorsitzender der Daimler-Benz AG, war zusammen mit der Deutschen Bank, mit Siemens und Bayer initiativ bei dieser Aktion. Auch BMW, Bertelsmann, Schering und die Axel Springer AG haben zu dem Stiftungsvermögen von 2,5 Millionen Mark beigetragen. Die Stiftung, die es dem in Berlin ganz unentbehrlich gewordenen Aspen-Institut ermöglichen wird, zusätzliche Sonderaufgaben zu übernehmen, soll von einem Dreier-Gremium – je einem Vertreter der Wirtschaft, der Wissenschaft und der Politik – verwaltet werden.

Der, dessen Namen die Stiftung trägt, war schon 1983 zum Ehrenbürger Berlins ernannt worden, eine Auszeichnung, die ihn in eine würdige Galerie neben Alexander von Humboldt, Zar Nikolaus I., Paul Lincke und Willy Brandt einreiht. Auch ein Lehrstuhl an der Freien Universität (FU), deren Gründung maßgeblich auf ihn zurückzuführen ist, trägt seit kurzem seinen Namen.

Shepard Stone, dessen 80. Geburtstag in der vorigen Woche in Berlin gefeiert wurde, ist ein Amerikaner, der sein Leben meist außerhalb Amerikas in der weiten Welt zugebracht hat, was sich für jemanden, der in Vermont, einem ländlichen Winkel Amerikas, geboren und aufgewachsen ist, keineswegs von selbst versteht. Auf geheimnisvolle und gänzlich ungeplante Weise ist er immer gerade dann nach Deutschland gekommen, wenn dort der Lauf der Geschichte sich beschleunigte.

Als Zwanzigjähriger beschloß er, nach Berlin zu gehen, was damals, anders als heute, bedeutete, daß man drei Jahre, ohne nach Haus zurückkehren zu können, in der Fremde bleiben mußte. Es war das Jahr 1929: Der letzte Glanz der zwanziger Jahre war schon überschattet von den heraufziehenden Unwettern. Shepard Stone trat in den Club der ausländischen Studenten ein, wo er Edward Teller, John von Neumann, Leo Szilard, Raymond Aron kennenlernte. Sie alle waren magnetisch angezogen worden von Albert Einstein, Max Planck und dem damaligen Weltruhm der Universität Berlin.

Der junge Amerikaner war einer der ganz wenigen Menschen – ich kenne keinen zweiten –, die damals, also vor 1933, die erste Ausgabe von "Mein Kampf" erworben und auch wirklich gelesen hatten. Er promovierte bei Hermann Onken, heiratete Charlotte Hasenclever, in deren elterlichem Haus er viele Künstler und Intellektuelle jener Zeit kennengelernt hatte und ging 1933 zusammen mit ihr zurück nach Amerika, wo er als Journalist bei der New York Times arbeitete. Während dieser Zeit hat er für die Times verschiedene Länder Osteuropas besucht und wurde schließlich stellvertretender Chefredakteur der Sonntagsausgabe dieser Zeitung.

Berlin sah er erst wieder, als es in Trümmern lag und die Stätten seiner fröhlichen Studentenzeit nicht wiederzuerkennen waren. Shep, wie seine Freunde ihn nennen, war für den Militärdienst zu alt, aber er meldete sich sofort freiwillig. Er landete mit den ersten amerikanischen Invasionstruppen im Juni 1944 in der Normandie und war dann in Torgau dabei, als Amerikaner und Russen sich die Hand reichten. Sehr bedeutsam für den Aufbau der deutschen Presse war sein Wirken als Chef der Öffentlichkeitsarbeit an der Seite des US-Hochkommissars John McCloy, mit dem zusammen er dann 1952 nach Amerika zurückkehrte und sogleich von Henry Ford als Direktor des internationalen Programms der Ford Foundation berufen wurde. Das gab ihm während vierzehn Jahren Gelegenheit, die ganze Welt und ihre wichtigsten Akteure kennenzulernen. Viele Projekte, die für Europa, Asien und Afrika von entscheidender Bedeutung waren, hat er mit inspiriert; in Berlin beispielsweise den Ausbau der FU und die Gründung des Kennedy-Instituts.